Alle Predigten

Predigt · 08.11.2026

Warum jagst du mich?

Hubertusmesse in St. Secundus Hennstedt, mit Parforcehörnern und Jägerschaft. Über Hubertus, der nach dem Tod seiner Frau nur noch jagt, den Unterschied zwischen Lauern und Ansitzen, und einen Gott, der bei den Gejagten steht.

Lukas 17,20-24

Predigttext: Lukas 17,20–24

Als Jesus aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft nicht hinterher! Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

Liebe Geschwister,

Hubertus hatte alles. So erzählen es jedenfalls manche Fassungen der Legende. Ein junger Mann vom Hof, reich, angesehen, glücklich verheiratet. Dann stirbt seine Frau bei der Geburt ihres Kindes. Und mit ihr bricht ihm alles weg.

Hubertus macht weiter. Er geht in den Wald und jagt. Von morgens bis abends, Tag für Tag, auch am Karfreitag, an dem man das damals nicht tat. Er hetzt durch das Revier, als könnte er dort etwas finden. Ein Ziel hat er nicht. Er weiß nur, dass er nicht stehen bleiben will. Denn wenn er stehen bleibt, holt ihn ein, was er verloren hat.

Was er da gesucht hat, steht in keiner Fassung. Wild war es vermutlich nicht.

So geht es vielen. Vielleicht kennst du das. Oder du kennst jemanden, dem es so geht. Nach einem Verlust einfach weiterarbeiten, noch eine Schicht, noch ein Auftrag, und auf jede Nachfrage sagen: Geht schon. Manchmal ist es auch gar kein Verlust, der einen treibt, sondern der Erfolg. Der nächste Abschluss, das größere Haus, der bessere Platz. Immer weiter, immer höher. Und irgendwann merkt man, dass man seit Monaten rennt.

Wonach suchst du eigentlich?

Diese Frage hätte man auch den Pharisäern stellen können. Im Evangelium kommen sie zu Jesus und wollen wissen: Wann kommt das Reich Gottes? Sie wollen es sehen, bevor es da ist. Am besten mit Uhrzeit.

Jesus antwortet: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann.

Das griechische Wort, das Lukas hier benutzt, steht im Neuen Testament nur an dieser einen Stelle. Es meint ein genaues, berechnendes Beobachten: Man will die Zeichen erkennen, bevor es so weit ist. Es kann auch heißen: auf der Lauer liegen. Das Verb dazu benutzt Lukas im Evangelium nur, wenn Jesus belauert wird, von Pharisäern, Schriftgelehrten und Hohepriestern. Am Sabbat, beim Essen, bei jedem Wort.

Da fragen also ausgerechnet die, die Jesus auflauern, wo denn das Reich Gottes bleibt. Und Jesus sagt: Es ist mitten unter euch. Es steht vor euch. Ihr belauert es die ganze Zeit.

Ihr wisst, was das heißt, auf der Lauer liegen. Beim Ansitzen. Im Dunkeln auf den Hochsitz, bevor es hell wird. Still sitzen, warten. Wer auf dem Ansitz zappelt, kann gleich wieder nach Hause gehen.

Und manchmal tritt etwas aus, ganz nah. Dann wird erst einmal angesprochen: Was steht da genau? Ist der Schuss sicher? Wer unsicher ist, lässt den Finger gerade. Manchmal fällt gar kein Schuss, und man schaut nur. Auch dafür habt ihr ein Wort: Anblick. Man kommt ohne Beute nach Hause und sagt: Ich hatte guten Anblick. Und es war ein guter Morgen.

Lauern und Ansitzen sehen von außen gleich aus. Der Unterschied ist, was man mit dem Moment macht. Wer lauert, wartet nur darauf, zuzuschlagen. Wer ansitzt, nimmt sich Zeit und schaut erst genau hin, was da vor ihm steht. Die Pharisäer lauern. Sie haben Jesus direkt vor sich und warten nur darauf, ihn zu erwischen.

In unserem Predigttext wendet sich Jesus danach an seine Jünger. Er weiß: Es werden welche kommen, die auf die Frage der Pharisäer eine schnelle Antwort haben. Wann kommt das Reich Gottes? Die rufen: Siehe, da! Siehe, hier! Schau hierhin, da ist das Heil. Und Jesus sagt: Geht nicht hin und lauft nicht hinterher. Wer solchen Rufen hinterherläuft, verpasst den Anblick. Er verpasst den Augenblick, in dem man stehen bleibt und sieht, was schon da ist.

Was ihr sucht, ist schon da. Gott steht längst vor euch. Wir sind nur alle immer viel zu schnell.

Wie Hubertus. Der ist nicht stehen geblieben. Er ist gerannt, bis ein anderer stehen blieb.

Der Hirsch. Hubertus verfolgt ihn durch den Wald, stundenlang, bis das Tier nicht mehr flieht. Es bleibt stehen. Es dreht sich um. Zwischen dem Geweih leuchtet ein Kreuz. Und eine Stimme fragt: Hubertus, warum jagst du mich?

Diese Geschichte ist übrigens älter als Hubertus. Sie wurde zuerst von einem römischen Offizier erzählt, Eustachius. Erst im späten Mittelalter hat man sie auf Hubertus übertragen. Darum spielen die Bläser nachher zum Auszug die Eustachiusfanfare. Und auch Eustachius hat die Frage nicht erfunden. „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ So hört es Paulus vor Damaskus, als er losgezogen ist, um Christen zu jagen. Diese Frage wandert durch die Jahrhunderte. Sie trifft immer einen, der gerade sehr schnell unterwegs ist.

Sie klingt nach einem Vorwurf. Aber schauen wir mal genau hin, wer da eigentlich fragt: ein Tier. Gehetzt, mit zitternden Flanken, und das Kreuz Christi in seinem Geweih. Gott erscheint Hubertus als der Gejagte. Als der, dem keiner mehr zuhört, weil alle hinter etwas her sind.

Und die Frage ist ehrlich gemeint. Sie könnte auch lauten: Hubertus, wonach suchst du eigentlich? Was hoffst du zu finden, wenn du mich erlegt hast?

Er hat die ganze Zeit gejagt, was längst auf ihn gewartet hat.

Wenn Gott sich Hubertus als der Gejagte zeigt, dann steht er auch heute bei denen, die gehetzt werden.

Die Hetzjagd ist in Deutschland verboten. Das steht im Bundesjagdgesetz, und jeder Jäger hier weiß, warum. Ein Tier hetzt man nicht. Man gibt ihm seine Chance, man schießt sauber, und man achtet es noch, wenn es auf der Strecke liegt. Waidgerechtigkeit.

Unter uns Menschen haben wir solche Regeln schlechter im Griff. Das Wort Hetze ist längst aus dem Wald in unsere Sprache gewandert. Morgen ist der 9. November, der Tag der Reichspogromnacht. 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Menschen wurden aus ihren Wohnungen gezerrt und durch die Straßen getrieben, und viele haben zugesehen. Wir wissen, wohin es führt, wenn Menschen zur Beute erklärt werden.

Und heute wird wieder gehetzt. Gegen Geflüchtete, über die geredet wird, als wären sie eine Plage. Gegen Jüdinnen und Juden, die ihre Kippa lieber unter der Mütze tragen. Gegen Arbeitslose, die als faul gelten, bevor irgendwer nach ihrer Geschichte gefragt hat. Gegen Bürgermeisterinnen und Ehrenamtliche, die Drohungen bekommen, weil sie sich kümmern. Im Netz geht das in Minuten. Einer ruft: Da! Ein Foto, ein Name, eine Adresse. Und alle laufen hinterher.

Geht nicht hin und lauft nicht hinterher, sagt Jesus. Ich verstehe das auch so: Lauft nicht mit, wenn gehetzt wird.

Wer da gejagt wird, bei dem steht Gott.

In eurer Reichweite, so kann man das griechische Wort für „mitten unter euch" auch übersetzen. So nah, dass man nur stehen bleiben müsste, um es zu sehen.

Ob Hubertus das so verstanden hat, weiß ich nicht. Ob es ihn überhaupt so gegeben hat, wissen wir nur ungefähr. Ein Bischof von Lüttich, im achten Jahrhundert, das ist belegt. Den Hirsch gibt es nur in der Legende. Aber die Legende hat recht mit dem, was danach kommt: Hubertus lebt weiter, nur langsamer. Er geht zu einem Bischof, er lernt, er kümmert sich um andere. Aus dem Getriebenen wird einer, der für Menschen da ist.

Es gibt ein Jagdsignal, das heißt „Jagd vorbei". Für Hubertus war es der Moment im Wald. Die Hetze war vorbei. Seine Trauer war damit nicht weg. Aber er musste nicht mehr vor ihr davonlaufen.

Und du? Was müsste dir in den Weg treten, damit du stehen bleibst?

Vielleicht ist es ein Abend wie dieser. Hörner in einer alten Kirche, und draußen ist November.

Bleib stehen. Hör hin. Da fragt einer: Wonach suchst du eigentlich? Warum jagst du mich? Ich bin doch schon da.

Amen.