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Predigt · 01.11.2026

Vernagelt

Reformationsfest. Am Abend vorher schrauben Händler Holzplatten vor die Schaufenster, auf der Straße ziehen junge Leute mit Pappschildern vorbei. Über Thesen, die man annagelt, Fenster, die man vernagelt, und einen Gott, der niemanden auf seine schlechteste Tat festlegt.

Römer 3,21-28

Predigttext: Römer 3,21–28

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.

Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.

Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.

Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Holz vor Glas

Freitagabend. Berlin, Kurfürstendamm.

Männer in Arbeitsjacken tragen Holzplatten. Sie schrauben sie vor die Schaufenster. Rolex. Balenciaga. In Düsseldorf Cartier. In Hamburg Burberry.

Holz vor Glas. Schrauben in die Fassade.

Als käme ein Sturm.

Was dann kam, waren Schülerinnen. Azubis. Studenten. Junge Leute mit Pappschildern.

Sie wollten mehr Geld für Schulen. Plätze in der Psychotherapie. Hilfe für Süchtige. Mieten, die man bezahlen kann. Klimaschutz. Keine Wehrpflicht.

In über dreißig Städten. Weit über hunderttausend Menschen, sagen die Veranstalter.

Mainz: ruhig. München: ruhig. Berlin am Brandenburger Tor: ruhig.

Die Gewerkschaft der Polizei sagt am Abend: Die Proteste waren sehr friedlich.

Frankfurt, Mainufer. Eine junge Frau mit roten Zöpfen liest zehn Minuten lang die Regeln vor. Fahnenstangen höchstens zwei Meter. Nur Weichholz. Getränke im Tetrapak.

In Berlin üben sie gemeinsam das Hinsetzen. Für den Fall, dass es eskaliert.

Achttausend Menschen ziehen durch Frankfurt. Stundenlang friedlich.

Am frühen Abend fliegen Flaschen und Böller. Die Versammlung wird aufgelöst. Die Veranstalter distanzieren sich von der Gewalt und rufen zur Ruhe auf.

Erst danach, gegen halb acht, geht es auf der Zeil los. Scheiben splittern. Läden werden geplündert. Brandsätze fliegen auf Polizisten.

Der Innenminister spricht von rund hundert Gewalttätern. Reporter beschreiben Hunderte Jugendliche, die mit dem Protest wenig zu tun hatten.

In Köln sagt die Polizei über die Krawalle auf der Domplatte: Das gehörte eher zu Halloween als zum Protest. Dort trug keiner ein Schild.

Das war kriminell. Da gibt es nichts schönzureden.

Und es geschah, als die Demo schon vorbei war.

Trotzdem standen genau diese Bilder gestern Abend ganz oben. Überall.

Ich auch

Ich bin Pädagoge. Seit zwanzig Jahren arbeite ich mit Jugendlichen.

Gestern Abend, auf dem Sofa, das Handy in der Hand – da habe ich zuerst auf die Scherben getippt.

Ich auch.

Achttausend mit Forderungen. Hundert mit Brandsätzen.

Und worüber reden wir heute Morgen?

Wurde der Protest benutzt? Ja.

Haben sich Leute drangehängt, die nur Krawall wollten? Ja.

Das lässt sich nicht verhindern. Bei keiner Demonstration.

Die Versammlungsfreiheit gilt trotzdem. Gott sei Dank.

Schlüttsiel

Schlüttsiel, Januar 2024. Ein paar Hundert Leute lassen einen Bundesminister nicht von der Fähre. Das Bild ging durchs ganze Land.

In denselben Tagen fuhren im ganzen Land Tausende Landwirte mit ihren Treckern. Auch hier bei uns. Friedlich. Mit klaren Anliegen.

Markus Söder stand damals bei den Bauern in Nürnberg auf der Bühne. Hundert Prozent Unterstützung.

Vor einer Woche sagte er über die Jugend: Die wollen Deutschland stürmen.

Wer damals jeden Bauern nach Schlüttsiel beurteilt hat, hat ihm Unrecht getan.

Mit der Jugend ist es genauso.

Eine Holzplatte ist auch eine Nachricht

Wochenlang ging es vorher fast nur um eine Frage: Wird es Krawall geben?

Der Chef der Polizeigewerkschaft warnte vor jungen Krawallmigranten. Die Junge Union in Berlin wollte die Bundeswehr holen. Händler zimmerten. Halloween-Partys wurden abgesagt.

Eine Protestforscherin hat noch am Morgen gewarnt: Wer ständig Gewalt ankündigt, verunsichert die Friedlichen. Und lockt die an, die genau das suchen.

Jeder, der mit Kindern arbeitet, kennt das.

Sag einem Konfirmanden oft genug: Du bist doch eh der Störer.

Dann bekommst du einen Störer.

Eine Holzplatte ist auch eine Nachricht. Sie sagt: Wir trauen euch nichts zu.

Angenagelt

Gestern vor 509 Jahren. Wittenberg. Ein Mönch und Theologieprofessor. 33 Jahre alt.

Fünfundneunzig Thesen. An der Tür der Schlosskirche, so wird es erzählt. Mit Hammer und Nagel.

Die Kirche damals war alt. Reich. Mächtig. Und sie bekam Angst vor dem, was da an ihrer Tür hing.

Ein Jahr später kam Philipp Melanchthon nach Wittenberg. Einundzwanzig Jahre alt. Die Hörsäle füllten sich mit Studenten.

Die Reformation war eine Jugendbewegung.

Damals hat einer seine Thesen angenagelt.

Gestern haben wir die Fenster vernagelt.

Der dunkle Teil

Auch die Reformation wurde benutzt.

Acht Jahre nach den Thesen standen die Bauern auf. Sie beriefen sich auf Luthers Freiheit. Aus Protest wurde Krieg. Klöster brannten.

Und Luther? Er schrieb gegen die „räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern". Er rief die Fürsten auf, sie niederzuschlagen.

Das ist der dunkle Teil unseres Erbes.

Wir müssen ihn nicht wiederholen.

Allein durch den Glauben

Luther hat seine Freiheit bei Paulus gefunden. Im Römerbrief. In dem Text, den wir vorhin gehört haben.

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Ohne Werke. Ohne Bilanz. Ohne Vorleistung.

Gott legt keinen Menschen auf seine schlechteste Tat fest.

Wir schon.

Gestern Abend haben wir eine ganze Generation auf ihre schlechtesten hundert festgelegt.

Paulus sagt noch etwas: Es ist hier kein Unterschied. Sie sind allesamt Sünder.

Allesamt. Die Jungen mit den Böllern. Und die Alten hinter den Holzplatten.

Wo bleibt nun das Rühmen?, fragt Paulus. Und er antwortet selbst: Es ist ausgeschlossen.

Keine Generation hat etwas, womit sie sich rühmen kann.

Hinter den Holzplatten

Wer hatte gestern eigentlich Angst?

Die jungen Leute auf der Straße? Die haben gesungen.

Die Angst saß hinter den Holzplatten.

Bei uns. In einem Land, in dem bei Wahlen die über Sechzigjährigen fast dreimal so viele Stimmen haben wie die unter Dreißigjährigen.

Natürlich ist diese Jugend bedrohlich.

Sie fragt, wer unsere Rente bezahlt. Wer die Schulden abträgt. Wer 2060 noch hinterm Deich wohnen kann.

Sie stellt die richtigen Fragen. Und sie wird die Zeche zahlen.

Wir zählen die Scherben.

Wer zählt die Therapieplätze, die fehlen? Die Klassenräume, in denen der Putz bröckelt? Die Busse, die abends nicht mehr fahren?

Die Kirche muss sich immer wieder erneuern. Das ist Reformation. Ein Land muss das auch.

Ein Weiter-so gibt es nicht.

In Hennstedt

In Hennstedt gab es gestern keine Demo. Keine Holzplatten an der Sparkasse.

Aber es gibt die Jugendlichen. In der Feuerwehr. Im Sportverein. In der Konfirmandengruppe. Am Küchentisch.

Ich denke an die, die nachts mit der Feuerwehr ausrücken, wenn bei uns etwas brennt. An die, die beim Dorffest die Zelte aufbauen. An die Konfis, die hier vorne die Kerzen anzünden und dabei mehr Fragen haben, als wir beantworten können.

Auf sie bauen wir. Ob wir es zugeben oder nicht.

Was sagen sie uns ins Ohr?

Und wann haben wir zuletzt zugehört, bevor wir geantwortet haben?

Doris

In Hamburg, ganz vorne im Zug: Doris. 84 Jahre alt. Ihre Tochter schiebt den Rollstuhl über den Jungfernstieg.

Dass sie hier sei, sagt Doris, sei auch eine Entschuldigung. Für das, was ihre Generation den Jungen hinterlässt.

Sie hat keine Holzplatte. Sie hat einen Rollstuhl in der ersten Reihe.

An unserer Tür

Luther hat damals um keine Erlaubnis gefragt.

Die Jungen gestern auch nicht.

Sie haben ihre Thesen öffentlich gemacht. Für alle sichtbar.

Reformation ist kein Jubiläum. Kein Museum in Wittenberg.

Reformation heißt: Eine alte Kirche bekommt Thesen an die Tür. Von einem, den sie für einen Störenfried hält.

Damals hat die Kirche ihn gebannt. Und die Tür zugemacht.

Heute können wir es besser machen.

Die Thesen hängen wieder an der Tür. Diesmal an unserer.

Jetzt sind wir dran.

Schrauben wir die Bretter ab.

Von den Fenstern. Und vom Kopf.

Amen.