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Predigt · 25.10.2026

Fremde Heimat – Heimat Fremde

Sonntagmorgen, 9:31 Uhr, der Strom ist weg — und das eigene Zuhause auf einmal fremd. Über Hananja, der vom Früher redet, Jeremia, der „Packt aus“ schreibt, und eine Heimat, worin noch niemand war.

Jeremia 29,1.4-7.10-14

Predigttext: Jeremia 29,1.4–7.10–14

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia aus Jerusalem schickte – an die Ältesten, die noch übrig waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel verschleppt hatte:

So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin. Pflanzt Gärten und esst, was dort wächst. Heiratet und bekommt Söhne und Töchter. Sucht Frauen für eure Söhne und Männer für eure Töchter, damit auch sie Kinder bekommen. Werdet dort mehr und nicht weniger. Sucht der Stadt Bestes, in die ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn. Denn wenn es ihr gut geht, geht es auch euch gut.

Denn so spricht der Herr: Wenn die siebzig Jahre für Babel vorbei sind, will ich mich um euch kümmern. Dann löse ich mein Versprechen ein und bringe euch an diesen Ort zurück. Denn ich weiß genau, was ich für euch im Sinn habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides. Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben. Ihr werdet mich anrufen, ihr werdet kommen und zu mir beten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden. Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr. Ich will euer Schicksal wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe. Und ich bringe euch an den Ort zurück, von dem ich euch habe wegführen lassen.

9:31 Uhr

Heute vor einer Woche. Sonntagmorgen, 9:31 Uhr.

Die Kaffeemaschine gurgelt noch einmal. Dann ist Ruhe. Der Kühlschrank verstummt. Das Radio auch. Das Handy hat noch zwölf Prozent.

Du stehst in deiner eigenen Küche und weißt nicht, was du machen sollst. Dein Zuhause. Und auf einmal fremd.

Bis zu 40.000 Haushalte, hieß es später. In Bunsoh brennt ein Reetdach. In den Heimen sitzen alte Menschen und wissen nicht, was los ist. Eine einzige Leitung fällt aus. Und nichts läuft mehr.

Irgendwann klopft es. Der Nachbar. Thermoskanne in der Hand. „Wir haben noch Gas. Wollt ihr Kaffee?"

Für ein paar Stunden haben wir gespürt, wie schnell das Vertraute fremd werden kann.

Die Menschen, an die Jeremia seinen Brief schreibt, spüren das nicht für ein paar Stunden. Für sie geht der Strom nicht wieder an.

Verschleppt

Jerusalem, knapp sechshundert Jahre vor Christus. Im Osten ist eine neue Großmacht aufgestiegen: Babylon. Im heutigen Irak, am Euphrat. König Nebukadnezar will die ganze Gegend beherrschen. Das kleine Juda liegt ihm im Weg.

Juda wehrt sich und zahlt keine Abgaben mehr. Dann kommt der Krieg. Die babylonische Armee belagert Jerusalem. Am Ende ergibt sich der König.

Die Sieger nehmen mit, wer etwas kann. Den König und seine Familie. Die Beamten, die Priester. Die Handwerker und Schmiede. Über tausend Kilometer, monatelang zu Fuß. Dann Babylonien.

Fremde Sprache. Fremde Götter. Fremdes Brot.

Ihr Zuhause ist weg. Und die Fremde ist fremd.

Hananja sagt: Zurück

Was will man in so einer Lage hören? Dass es bald vorbei ist. Dass alles wieder wird wie vorher.

Genau das verkündet ein Prophet im Tempel von Jerusalem. Hananja. „Zwei Jahre. Dann seid ihr wieder zu Hause." Und auch unter den Verschleppten reden Propheten so.

Zwei Jahre. Das schafft man. Also bleiben die Koffer gepackt. Man wartet.

Hananja sagt: Zurück.

Jeremia sagt: Hier

Dann kommt ein Brief. Von Jeremia. Und der schreibt: Packt aus.

Baut Häuser und wohnt darin. Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte. Heiratet. Bekommt Kinder.

Siebzig Jahre wird das dauern. Siebzig Jahre, das ist in der Bibel ein ganzes Menschenleben. Die meisten, die diesen Brief lesen, sehen Jerusalem nie wieder.

Jeremia sagt: Hier.

Das ist der Unterschied. Hananja tröstet mit der Vergangenheit. Jeremia tröstet mit der Gegenwart. Der eine sagt: Wartet. Der andere sagt: Lebt.

Und Jeremia sagt Hananja ins Gesicht, worauf sich das Volk da verlässt: Scheker. Lüge.

Es wird wieder wie früher

Ich glaube, wir hören diese Stimmen heute wieder. Sie stehen auf Marktplätzen. Sie sitzen in Parlamenten. Sie posten jeden Abend in den sozialen Medien. Und alle versprechen dasselbe: Es wird wieder wie früher.

Ja, manchmal verstehe ich die Sehnsucht sogar. In unseren Dörfern ist viel passiert, was nicht gut ist. Die letzte Kneipe hat dichtgemacht. Der Laden ist zu. Die kleine Dorfschule auch. Die Ärzte hören auf, und keiner kommt nach.

Da kann man sich fremd fühlen im eigenen Dorf, ohne einen Meter umzuziehen. Heimat fremd. Aber nicht wegen der Fremden.

Ich kenne aber auch das Verklären. In meiner Erinnerung war meine Kindheit immer Sommer. Und die Winter hatten mehr Schnee. Ich habe auch schon am Tresen genickt, wenn einer sagt: „Früher war alles besser." Genickt. Und nichts gesagt.

Ein Heimweh-Wort

Gerade deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen. Was meinen wir eigentlich, wenn wir Heimat sagen?

Lange meinte das Wort schlicht das Elternhaus. Oder den Hof, den man erbt. Laut wurde es erst, als die Leute von genau dort wegzogen. In die Städte. In die Fabriken. Da gründeten sich die ersten Heimatvereine. Als die Heimat schon verloren war.

Heimat war von Anfang an ein Heimweh-Wort.

Und später haben die Nazis daraus gemacht: Blut und Boden. Wer gehört dazu? Und wer muss raus?

Der Philosoph Ernst Bloch hat ein dickes Buch über die Hoffnung geschrieben. Das letzte Wort darin heißt: Heimat. Etwas, schreibt er, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war".

Worin noch niemand war. Heimat liegt vorn.

Und darum hat Jeremia recht. Wer auf das Früher wartet, wartet auf etwas, das es so nie gab.

Jeremia 29 in Dithmarschen

Hier in Dithmarschen kann man das sehen. 1945, 1946. Die Trecks und Züge aus Ostpreußen, aus Pommern, aus Schlesien. 1950 ist in Schleswig-Holstein jeder Dritte ein Vertriebener.

Die Bauern müssen sie einquartieren. Zwei Familien, ein Herd. Manche hier sagen „Flüchtlingspack".

Sie haben Heimweh. Ihr Leben lang. Und trotzdem bauen sie Häuser. Sie pflanzen Gärten. Sie heiraten hier.

Dithmarschen ist geprägt von ihnen. Ihre Kinder und Enkel sitzen vielleicht heute hier in der Bank. Sie sind in der Feuerwehr. Im Sportverein. Im Heimatverein.

Jeremia 29. Mitten in Dithmarschen.

Ein Dithmarschen, in das nie jemand zugezogen ist, hat es nie gegeben.

Die Hananjas von heute

Die Hananjas von heute versprechen trotzdem genau das. Sie nennen es „Remigration". Sie reden gern von Straftätern. Auf ihren Treffen geht es um mehr: um Menschen mit Bleiberecht. Und um deutsche Staatsbürger, die ihnen nicht deutsch genug sind.

Dann denkt an die Pflegerin im Heim, die aus Manila kommt. An den Arzt in der Notaufnahme, der in Damaskus studiert hat. An die Erntehelfer auf dem Kohlfeld. Den Koch in Büsum. Die Kollegin in der Kita.

Wenn sie alle gehen müssen, läuft hier gar nichts mehr. Dann ist es hier 9:31. Für immer.

Der Stadt Bestes

Und jetzt legt Jeremias Brief daneben. Da steht der Satz, um den sich alles dreht:

„Sucht der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl."

Gemeint ist der Ort, an den sie verschleppt wurden. Für den sollen sie beten. Ein Gebet für den Feind, das ist im Alten Testament fast ohne Beispiel.

Und für „das Beste" steht im Hebräischen: Schalom. Frieden. Wohlergehen. Dass es allen gut geht.

In ihrem Schalom liegt euer Schalom.

Die Pflegerin, der Arzt, der Koch haben genau das getan. Sie haben ausgepackt. Sie arbeiten hier. Ihre Kinder gehen hier zur Schule. Sie suchen der Stadt Bestes. Unser aller Bestes. Vielleicht ist der Nachbar mit der Thermoskanne einer von ihnen.

Die, die raus sollen, sind die, die tun, was Jeremia schreibt.

Wie anmaßend ist es da, meine Heimat über ihre zu stellen. Als hätte ich sie mir verdient. Ich bin hier nur geboren. Sie haben längst hier gebaut.

Hier ist ihre Heimat. Mit uns.

Packt aus

Und wohin führt das? Jeremia sagt es selbst, im bekanntesten Satz seines Briefes: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides. Ich will euch Zukunft und Hoffnung geben."

Zukunft und Hoffnung. Da liegt Heimat. Worin noch niemand war. Und wir bauen sie zusammen. Mit allen, die hier ausgepackt haben.

Am Sonntag um 9:31 hat keiner gefragt, wo der Nachbar herkommt. Es gab Kaffee. Und es wurde warm in der Küche.

Für einen Moment war das Heimat. Mitten im Stromausfall.

Also: Packt aus. Baut Häuser. Pflanzt Gärten. Sucht der Stadt Bestes.

Hier.

Amen.