Predigttext: Epheser 4,22–32
Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.
Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Sakristei, zehn vor elf
Sakristei. Zehn vor elf. Da hängt er. Schwarz. Schwer. Ein bisschen staubig an den Ärmeln.
Ich ziehe ihn an. Linker Arm, rechter Arm. Knöpfe zu. Beffchen dran. Und dann gehe ich raus. Und die Leute sehen mich anders.
Beim Bäcker, in Jeans und Regenjacke, bin ich einer in der Schlange. Hier bin ich der Pastor. Derselbe Mensch. Anderer Stoff.
Und mit dem Stoff bekomme ich etwas geliehen. Vertrauen. Wenn ich hier vorne etwas sage, glauben mir die meisten. Bevor ich den Satz zu Ende gesprochen habe.
Und ich gebe es zu: Das ist bequem. Manchmal zu bequem.
Kleider machen Leute. Das wissen wir alle. Dem weißen Kittel im Krankenhaus glauben wir sofort. Der Uniform an der Haustür. Dem Anzug in den Nachrichten.
Und wir selbst ziehen uns auch an. Jeden Morgen. Das Lächeln. Das Profilbild. Den Satz „Läuft bei mir", wenn gar nichts läuft.
Wir ziehen an, was wahr wirken soll.
Der Schneider aus Seldwyla
Gottfried Keller hat vor gut 150 Jahren eine Novelle darüber geschrieben. Gleicher Titel.
Wenzel Strapinski ist Schneider. Arm. Kein Geld, kein Brot. Aber einen Mantel hat er. Grau, mit Samt gefüttert. Viel zu fein für einen wie ihn.
In diesem Mantel kommt er in eine fremde Stadt. Goldach. Die Leute im Gasthof sehen den Mantel. Und denken: ein Graf. Sie decken den Tisch. Sie verbeugen sich.
Und Wenzel? Er hat Hunger. Er isst. Er schweigt.
Er verliebt sich sogar. Nettchen heißt sie, die Tochter vom Amtsrat. Verlobung. Großes Fest.
Und dann kommen die Leute aus seiner Heimatstadt. Ein Maskenzug, mitten hinein ins Fest. Auf ihren Schildern steht: Leute machen Kleider. Und daneben: Kleider machen Leute. Und alle verstehen. Der Graf ist ein Schneidergesell.
Wenzel geht hinaus. Die Landstraße entlang. Es ist Winter. Irgendwann bricht er zusammen und bleibt im Schnee liegen.
Da liegt er. Nur noch Wenzel.
Mäntel aus Trug
Wenzel wollte niemanden täuschen. Das hat der Mantel für ihn erledigt. Es gibt Mäntel, die mit Absicht genäht werden.
Paulus hat dafür ein Wort: Trug. Der alte Mensch, schreibt er, richtet sich durch Trug zugrunde. Der neue ist geschaffen in Wahrheit.
Trug sieht aus wie Wahrheit. Er wird laut gesagt. Oft geteilt. Bis man ihn glaubt.
Vor fünf Wochen hat Sachsen-Anhalt gewählt. Mehr als vier von zehn Menschen haben ihr Kreuz bei einer Partei gemacht, die der Verfassungsschutz dort als gesichert rechtsextremistisch einstuft.
Und schaut euch den Mantel an, in dem sie auftritt. Sie redet von Heimat. Von Familie. Von Frieden. Von den kleinen Leuten, um die sich keiner mehr kümmert. Das wird im April hier bei uns in Schleswig-Holstein genau so sein.
Das Gewand der Menschenfreunde.
Und darunter? Ein Wort wie aus dem Reisebüro: Remigration. Gemeint sind Menschen. Nachbarn. Kolleginnen. Auch solche mit deutschem Pass. Sie sollen raus.
Und es steht noch mehr im Programm. Jeder kann es nachlesen. Landeskindergeld soll es nur geben, wenn ein Elternteil deutsch ist. Das Geld für die Gleichstellung von Frauen wird gestrichen. Das für Demokratieprojekte auch. Die Erbschaftsteuer wird gleich ganz abgeschafft. Freuen werden sich die, die viel zu erben haben. Nicht die kleinen Leute.
In unserem Predigttext steht ein anderes Programm: Schafft mit euren Händen Gutes, damit ihr den Bedürftigen abgeben könnt.
Heimat, Familie, kleine Leute. Draufsteht es. Drin ist es nicht.
Lüge als Methode
Man sagt sie, bis sie sich wie Wahrheit anfühlt. Und wer nachprüft, ist „Lügenpresse".
Und dann der Satz, der sich als besonders ehrlich verkleidet: „Man wird doch wohl noch sagen dürfen." Noch so ein Mantel. Darunter steckt ein Tritt nach unten.
Manche hängen sich noch ein Kreuz um. Christliches Abendland. Wer Menschen nach Herkunft sortiert und das christlich nennt, der lügt.
Kleider machen Leute? Hier nicht. Ein Rechtsextremist im Anzug bleibt ein Rechtsextremist. Und eine rechtsextreme Partei wird nicht demokratisch, weil sie demokratisch gewählt wird. Eine Wahl wäscht nichts rein.
Und mein Talar? Auch der kann ein Mantel sein. Ich kann mich irren. Auch im Talar. Prüft es nach.
Und ich habe auch schon geschwiegen, wo ich hätte reden müssen. Weil ich keinen Streit wollte. Auch Schweigen kann lügen.
Alte Klamotten
Im Epheserbrief wird der Kleiderschrank aufgemacht. Die Lüge. Der Zorn, der über Nacht liegen bleibt. Die faulen Worte. Die Bitterkeit. Das Geschrei.
Alte Klamotten. Sie kratzen. Sie riechen. Und sie passen immer noch.
Und dann heißt es: Legt den alten Menschen ab. Zieht den neuen an. Klingt nach Umziehen. Nach Anstrengung. Nach: Reiß dich zusammen.
Das Taufkleid
Paulus erinnert zuerst. Ihr habt das gelernt, schreibt er. Damals, als ihr getauft wurdet.
In der alten Kirche legten die Täuflinge ihre Kleider ab. Alle. Stiegen ins Wasser. Stiegen wieder heraus. Und bekamen ein weißes Gewand umgelegt.
An anderer Stelle schreibt Paulus: Ihr habt Christus angezogen. Und hier: Der neue Mensch ist nach Gott geschaffen. Den nähst du nicht selbst. Den kaufst du nicht.
Ihr werdet erneuert, steht da. Das geschieht an euch. Jeden Tag.
Und jetzt stimmt das Sprichwort. Kleider machen Leute. Ein Mantel macht einen Schein. Das Taufkleid macht einen Menschen. Es macht, was es zeigt.
Darum
Dann kommt ein kleines Wort. Darum. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit.
Erst das Kleid. Dann das Leben.
Wahrheit ist bei Paulus kein Meinungsstreit. Sie ist in Jesus, schreibt er. Wahrheit muss ich mir nicht erschreien. Sie ist mir angezogen worden.
Und sie hat einen Prüfstein: Wir gehören zueinander. Wie Hand und Fuß an einem Leib. Und nur Worte, die aufbauen, sollen aus unserem Mund kommen.
Eine Wahrheit, die auf die Schwachen tritt, ist ein Mantel.
Dietrich Bonhoeffer, 1943 in seiner Zelle in Tegel. Draußen marschiert ein ganzes Land in der Uniform der Lüge. Er schreibt sinngemäß: Wer die Wahrheit sagen will, muss die Wirklichkeit ernst nehmen. Und den Menschen, mit dem er redet.
Paulus sagt es ein paar Verse vorher kürzer: wahrhaftig sein in der Liebe. Wahrheit ohne Liebe wird zur Waffe.
Woraus lebe ich eigentlich?
Mir macht das alles große Sorgen. Was in Magdeburg passiert. Was in Washington passiert. Was in Moskau passiert. Die KI, die schneller lernt, als wir hinterherkommen. Die Kriege. Der Krebs – gerade sichtbar im Pinktober vor unserer Kirche, und das ist gut so.
Manchmal wird mir das zu viel.
Woraus lebe ich eigentlich? Aus meiner Kraft? Die reicht keine Woche. Aus meiner Klugheit? Aus meinem Rechthaben?
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, schreibt Paulus. Eine Kraft, die frei macht. Lebensenergie. Das, was alles zusammenhält. Die Kraft, die Liebe und das Leben zu feiern. Und zu verteidigen.
Das ist mein Taufkleid.
Darin bin ich frei. Auch gegenüber allen, die die Zukunft schwarzmalen. Und darin bin ich gerufen. Dafür einzustehen, dass der Laden nicht untergeht. Mit meiner kleinen Kraft.
Im Schnee
Zurück in den Schnee. Zu Wenzel.
Da kommt eine Kutsche. Nettchen. Sie sucht ihn. Sie findet ihn. Halb erfroren. Und sie will nur eins wissen: Wer bist du?
Und Wenzel erzählt. Alles. Den Hunger. Den Mantel. Die Angst.
Und Nettchen bleibt.
Heilung fängt im Schnee an. Da, wo einer dich ohne Mantel sieht. Und bleibt.
Gleich nach dem Segen kommt der Talar zurück auf den Bügel. Das Taufkleid nicht. Das hat mir einer angezogen, der es ernst meint. Euch auch.
Er sieht euch ohne Mantel. Und bleibt.
Darum: Redet die Wahrheit. Leise, wenn es sein muss. Mit eurer kleinen Kraft. Aber redet sie.
Amen.