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Predigt · 06.09.2026

Gottes unmoralische Helden

Kein Teamer fährt ohne erweitertes Führungszeugnis mit. Gottes Personalakte aber ist voller Einträge — und Jesus lädt sich bei einem Erpresser ein, bevor der irgendetwas geleistet hat. Über Vorschuss statt Vorleistung.

Lukas 19,1-10

Predigttext: Lukas 19,1–10 (frei erzählt)

Jesus kommt nach Jericho. Er will nur durch.

In Jericho wohnt ein Mann. Zachäus. Der Oberzöllner. Und der ist reich. Er will sehen, wer dieser Jesus ist. Aber die Menge ist dicht, und Zachäus ist klein. Also rennt er voraus. Klettert auf einen Maulbeerfeigenbaum. Von da oben wird er ihn sehen.

Jesus kommt an die Stelle. Schaut hoch. Und sagt: Zachäus. Steig schnell runter. Heute muss ich in deinem Haus bleiben.

Zachäus steigt runter. Schnell. Und nimmt ihn auf. Voller Freude. Und alle, die das sehen, murren: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

Zachäus aber stellt sich hin und sagt zu Jesus: Herr, die Hälfte von dem, was ich habe, gebe ich den Armen. Und wen ich erpresst habe, dem gebe ich es vierfach zurück.

Jesus sagt zu ihm: Heute ist diesem Haus Rettung geschehen. Denn auch er ist Abrahams Sohn. Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Keine Eintragung

Vor jeder Freizeit dasselbe Ritual. Bevor ein Teamer mitfährt, brauche ich ein Papier. Erweitertes Führungszeugnis. Das gilt für alle, die mit Kindern arbeiten. Für jede Erzieherin in unseren Kitas. Für jeden Teamer. Für mich.

Also: Formular ausfüllen. Zum Amt. Ausweis zeigen. Warten. Nach drei Wochen kommt ein Brief. Und wenn alles gut ist, steht da ein Satz: Keine Eintragung.

Das ist der Satz, der die Tür öffnet. Ohne den fährt keiner mit. Und das ist richtig so. Ich will wissen, wen ich mit unseren Kindern losschicke.

Gottes Personalakte

Ich hab neulich mal Gottes Personalakte aufgeschlagen.

Jakob. Betrug. Urkundenfälschung – Ziegenfell an Händen und Hals, damit der blinde Vater nichts merkt. Diebstahl eines Segens. Flüchtig.

Zachäus. Erpressung. Steuerpacht für die Besatzungsmacht. Bereicherung im Amt.

Und weiter hinten in der Akte: Mose – Totschlag. David – Auftragsmord. Rahab – Prostitution. Petrus – Falschaussage, dreimal in einer Nacht. Paulus – Beihilfe zur Steinigung.

Keiner käme durch. Kein Einziger. Nicht in die Kita. Nicht auf die Freizeit. Nicht auf diese Kanzel.

Gottes unmoralische Helden.

Herr Sauber

Schauen wir uns einen genauer an.

Jericho. Zollstation. Alles, was aus dem Jordantal nach Jerusalem will, muss hier durch. Und hier durch heißt: an Zachäus vorbei.

Zachäus ist Oberzöllner, und das ist ein Geschäftsmodell. Er hat das Zollrecht von den Römern gekauft. Was er den Leuten abnimmt, liefert er zum Teil ab. Der Rest bleibt bei ihm. Wie viel er nimmt, bestimmt er. Erpressung mit Lizenz.

Jeder in Jericho hat schon an ihn gezahlt. Jeder kennt ihn. Keiner grüßt ihn.

Und sein Name? Zakkai. Auf Hebräisch: der Reine. Der Saubere. Der dreckigste Mann in Jericho heißt Herr Sauber.

Auf dem Baum

Dieser Mann will Jesus sehen, und warum, das sagt der Text nicht. Aber die Menge ist dicht, und Zachäus ist klein. Also rennt er voraus. Und klettert auf einen Baum. Einen Maulbeerfeigenbaum. Den Baum der Armen.

Stellt euch das vor. Der reichste Mann im Ort. Auf einem Baum. Wie der Sparkassenvorstand oben auf der Laterne vor seiner Filiale. Das ist ein Absturz. Würde weg.

Jesus kommt an die Stelle. Bleibt stehen. Schaut hoch. Und sagt seinen Namen.

Zachäus. Steig runter. Heute muss ich in deinem Haus bleiben.

Muss. Heute.

Haltet hier einmal an. Was hat Zachäus bis jetzt getan? Nichts. Er hat nichts gesagt. Nichts bereut. Nichts zurückgezahlt. Kein Formular. Keine Eintragung gelöscht. Er sitzt auf einem Baum.

Und Jesus lädt sich ein, bei ihm. Muss. Heute.

Dieses Muss ist ein besonderes Wort. Lukas benutzt es nur an den großen Stellen. Ich muss das Reich Gottes predigen. Der Menschensohn muss leiden. Musste Christus das nicht erleiden? Immer, wenn Gott selbst dran ist, steht dieses Muss da. Und jetzt steht es hier. Bei einem Erpresser in Jericho.

Und daneben das zweite Wort: heute. Heute ist euch der Heiland geboren. Heute ist dieses Wort erfüllt. Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Zwei Wörter, mit denen Lukas sonst Weihnachten und Karfreitag erzählt. Beide in einem Satz. Über ein Haus, das von Erpressung bezahlt ist.

Erst leisten, dann rein

Wir machen das andersrum. Wir sagen: Erst Vorleistung.

Erst Deutsch lernen, dann dazugehören. Erst arbeiten, dann Hilfe. Erst mitwirken, dann Geld. Erst Reue, dann Gnade. Erst anständig, dann Kirche.

Das kommt von rechts: Erst anpassen, dann bleiben. Das kommt von links: Erst richtig denken, dann mitreden. Das kommt vom Stammtisch, und das kommt aus dem Feuilleton. Das ist Konsens. Erst leisten. Dann rein.

Und es kommt von mir.

Wir alle haben unseren Zachäus. Einen, über den wir längst geurteilt haben. Für das, was er tut. Oder einfach dafür, wie er ist. Bei dem bin ich innerlich durch. Keine Vorleistung, kein Zutritt. Führungszeugnis: nicht bestanden.

Vorschuss

Jesus macht Vorschuss. Und das ist keine Ausnahme bei ihm. Das ist sein System.

Jakob, ihr habt es gehört. Auf der Flucht, weil er sich den Segen erschlichen und seinen Bruder betrogen hat. Der will ihn töten. Ein Stein unterm Kopf. Und Gott kommt im Traum und sagt: Ich bin mit dir. Ich behüte dich. Ich lasse dich nicht. Kein Wenn. Kein Erst. Kein Aber.

Und was macht Jakob, als er aufwacht? Er handelt. Wenn du mich beschützt, wenn du mir Brot gibst, dann sollst du mein Gott sein. Der Betrüger feilscht mit dem Segen. Und der Segen bleibt.

Lukas erzählt das ständig. Zehn Aussätzige werden gesund. Einer kommt zurück und sagt Danke. Ein Samariter. Der Falsche.

Vorschuss. Gott zahlt aus, bevor einer geliefert hat.

Die Menge murrt

Und dann murren sie. Alle. Die Frommen, die Händler, die Nachbarn. Die ganze Stadt.

Und ehrlich: Ich versteh sie. Die haben alle an Zachäus gezahlt. Die haben sein Haus gesehen, seinen Wein, seine Leute. Und jetzt geht der Wanderprediger bei dem essen? Bei dem?

Das ist der Skandal an Gottes unmoralischen Helden. Er ist unfair gegenüber denen, die anständig waren. Die ihren Zoll bezahlt und den Mund gehalten haben.

Ich stehe in der Menge. Ich murre mit.

Vierfach

Aber dann steht Zachäus auf. Herr, die Hälfte von dem, was ich habe, geht an die Armen. Und wen ich erpresst habe, der kriegt es vierfach zurück.

Vierfach. Das Gesetz verlangt bei freiwilligem Geständnis: zurückzahlen plus ein Fünftel. Zachäus gibt das Vierfache. Der Fromme im Tempel, vor drei Wochen, der gab den Zehnten. Zachäus gibt die Hälfte.

Sein Führungszeugnis bleibt, wie es ist. Die Einträge stehen da. Aber der Mann ist ein anderer.

Die Reihenfolge ist wichtig. Erst kommt Jesus rein. Dann räumt Zachäus auf.

Ich hab die Geschichte lange falsch gelesen. Ich dachte: Da ist einer, der will zu Jesus. Klein, Baum, Menge, er kommt nicht durch, er will rein. Aber so steht es nicht da.

Zachäus muss nicht rein. Jesus will rein. In sein Haus. In das Haus, das von der Erpressung bezahlt ist. Heute. Muss.

Und dann sagt Jesus den Satz, der alles trägt: Auch er ist Abrahams Sohn. Ist. Die Stadt hatte ihm das abgesprochen. Gott nie.

Vorleistung lässt dich auf dem Baum. Vorschuss holt dich runter.

Dreht die Sätze um

Und jetzt dreht die Sätze um. Alle von vorhin. Dreht sie einfach um.

Erst dazugehören. Dann Deutsch lernen. Weil ich hier willkommen bin, lerne ich die Sprache. Erst Hilfe. Dann steh ich wieder auf. Erst Geld. Dann kann ich mitwirken. Erst Kirche. Dann anständig.

Und dann der Satz, um den es geht: Erst Gnade. Dann Reue. Weil ich die Gnade habe, kann ich bereuen. Vorher geht das gar nicht.

Das klingt nach Wunschdenken. Also schaut noch mal in die Akte.

Jakob, der Betrüger. Aus dem wird Israel. Mose, der Totschläger. Der führt ein ganzes Volk in die Freiheit. Rahab. Die rettet die Kundschafter und steht im Stammbaum Jesu. Petrus, dreimal gelogen in einer Nacht. Auf den wird die Kirche gebaut. Paulus, dabei bei der Steinigung. Der schreibt die Briefe, aus denen wir heute noch predigen. Und Zachäus zahlt vierfach zurück.

Sie liefern. Alle. Jeder Einzelne. Aber danach. Nie vorher.

Keiner von denen hat sich das verdient. Jedem ist geglaubt worden, bevor er etwas vorzuweisen hatte. Deshalb sind sie Gottes unmoralische Helden.

Dein Zachäus

Und jetzt zum Schluss, zu deinem Zachäus.

Du weißt vielleicht, wen ich meine. Vielleicht hast du jemanden im Kopf. Geh diese Woche hin. Klingel. Lade dich ein. Auf einen Kaffee, auf zehn Minuten am Gartenzaun. Ohne Vorleistung. Mit Vorschuss.

Und dann rechne damit, dass etwas zurückkommt.

Amen.