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Predigt · 02.08.2026

Pausentaste

Podcasts auf anderthalbfacher Geschwindigkeit, weggewischte Nachrichten — und die Sehnsucht nach einer Pausentaste. Von einem letzten Abend in Norwegen, einem Festzelt in Hennstedt und Jeremia, der zu jung ist.

Jeremia 1,4-10

Lesung: Jeremia 1,4–10

Es geschah das Wort des HERRN zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Auftakt

Ich habe gestern einen Podcast gehört. Eine Stunde lang. In vierzig Minuten.

Anderthalbfache Geschwindigkeit, ein Knopf in der App. Die Stimmen klingen wie Enten, aber man gewöhnt sich dran.

Liebe Gemeinde, ich mache das nicht, weil ich es eilig hätte. Ich mache das, weil die Folge sonst nicht fertig wird. Und weil danach noch eine draufpasst.

Die Nachrichten wische ich weg, drei Sekunden pro Bild. Die Sprachnachricht meiner Frau höre ich schneller ab, als sie sie gesprochen hat.

[Kassette hochhalten]

Damit ging das noch nicht. Die meisten von Ihnen haben so ein Ding bedient. Da waren die Tasten noch echt, man musste mit dem Daumen drücken, bis es klackte.

Play. Pause. Stopp. Und Spulen, vor und zurück.

Vorspulen konnte man also auch damals. Aber wer vorgespult hat, hat nichts mehr verstanden. Ein Quietschen, und dann war man irgendwo.

Wir haben inzwischen ein Vorspulen erfunden, bei dem man gerade noch mitkommt. Und wir benutzen es den ganzen Tag.

Eins konnte der alte Rekorder trotzdem besser als das Leben.

Er konnte zurück.

Erster Move · Manchmal, weil es zu schön ist

Vor zwei Wochen war ich in Norwegen. Zwölf Tage, fünfzig Leute, einundvierzig Jugendliche aus unseren Gemeinden.

Letzter Abend, Andacht. Wir singen. Und dann hört es nicht auf. Noch ein Lied. Und noch eins. Sechs werden es, dann sieben.

Keiner sagt es laut, aber alle wissen, warum wir weitersingen. Solange wir singen, ist es nicht vorbei.

Und mit jedem Lied wischt sich einer mehr über die Augen. Vierzehnjährige, die zwölf Tage vorher kein Wort miteinander geredet hatten.

Da wollte ich drücken. Richtig fest. Nicht morgen früh der Bus. Nicht wieder Alltag. Diesen Abend behalten. Diesen Glauben behalten.

Ich hätte gern eine Pausentaste.

Zweiter Move · Manchmal, weil es unerträglich ist

Freitagabend, Feuerwehrfest. Zelt, Musik, gute Laune. Ich stehe mit einem Bier am Rand.

Und dann sagt einer am Tisch nebenan, er wünsche sich Hitler zurück, der könne dann die Muslime alle vergasen. Und ein anderer sagt, der Regierung solle man auch mal richtig Gas geben, das habe früher ja auch geholfen.

Im Festzelt. Beim Bier. Zwischen Bratwurst und Blasmusik.

Ich habe gesagt: Stopp mal. Hört euch bitte einmal selber zu. Ihr redet gerade davon, Menschen zu vergasen.

Und dann wird es still am Tisch. Einer lacht und sagt, das sei doch nur Spaß gewesen, und guckt dabei woandershin. Und einer sagt: Er hat ja recht. Lass mal gut sein.

So denken die meisten hier nämlich nicht. Es ist ihnen unangenehm, sobald man sie darauf anspricht. Man muss sie nur ansprechen.

Das kostet was. Das gibt schlechte Stimmung. Das kostet einen vielleicht einen, der einen vorher gegrüßt hat.

Ich habe mir noch ein Bier bestellt und bin stehen geblieben. Weil das meine Leute sind. Weil ich hier Pastor bin und nicht Gast.

Über Politik kann man streiten. Die Regierung baut Mist, das tut jede Regierung. Die Frage ist eine ganz andere: Wie reden wir übereinander? Ab wann ist ein Mensch für uns keiner mehr?

Ich hätte gern eine Pausentaste. Eine, die groß genug ist für dieses ganze Land.

Dritter Move · Manchmal drückt ein anderer

Regionalexpress nach Hamburg, hinter Wrist. Der Zug wird langsamer. Der Zug steht. „Aus betrieblichen Gründen." Keine Zeitangabe. Nie eine Zeitangabe.

Und ich mache, was ich immer mache. Handy raus, vier Mails, einen Termin abgesagt. Ausgerechnet, ob der Anschluss noch geht, und nochmal, als er nicht mehr ging.

Vierzig Minuten stand der Zug. Und ich habe vierzig Minuten damit verbracht, aus einer Pause herauszukommen, aus der ich gar nicht herauskommen konnte. Die Taste lag nicht bei mir.

Und dann gibt es die großen. Das Telefon klingelt um halb elf, und Sie wissen beim zweiten Klingeln, dass es nichts Gutes ist. Der Arztbrief liegt seit Dienstag auf dem Küchentisch.

Das sind keine Pausen mehr. Das sind Unterbrechungen. Danach ist es ein anderes Leben. Und wann es weitergeht, entscheidet ein anderer.

Ich hätte gern eine Pausentaste. Eine, die ich selber bediene.

Vierter Move · Manchmal drückt Gott auf Pause

Anatot. Ein Dorf, eine Stunde zu Fuß von Jerusalem. Nah genug, um die Stadt zu sehen. Weit genug, um nicht dazuzugehören. Da wohnt eine Priesterfamilie, die abgemeldet ist.

Und da sitzt der Junge. Er weiß, wie sein Leben laufen wird. Er hat es an seinem Vater gesehen.

Und dann: Es geschah das Wort des HERRN zu mir. Kein Blitz, kein Engel, kein brennender Busch. Nur: Es geschah.

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete. Ich habe dich bestellt. Zum Propheten für die Völker.

Für die Völker. Der Junge aus dem Dorf, das keiner kennt.

Und Jeremia greift sofort nach der Taste. Im Hebräischen steht da bloß ein Laut. Ahah. Ein Stöhnen.

Ich bin zu jung.

Das Wort heißt Junge. Es heißt auch: der, der nicht zuständig ist. Bei uns heißt derselbe Satz anders. Ich bin zu alt für sowas. Sollen doch die Jungen.

Jeremia greift nach Stopp. Er will aussteigen.

Und Gott redet ihm den Einwand nicht aus. Kein Wort dagegen. Gott streckt die Hand aus und rührt seinen Mund an. Das ist die Pause: ein Moment, in dem einer mit seiner Angst stehenbleiben darf, ohne dass sie ihm ausgeredet wird. Gott akzeptiert, dass es hier eine Pause geben muss. Und Gott nutzt diese Pause, und vielleicht auch Jeremia. Gott rührt ihn an, und ich glaube, das verändert etwas. Und das verändert Jeremia.

Und dann: Du sollst gehen, wohin ich dich sende. Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir.

Stopp ist nicht vorgesehen. Nicht für Jeremia. Nicht für uns. Diese Taste gibt es im Leben nicht.

Fünfter Move · Du hast eine eigene Taste

Sie haben eine.

Bei jeder dieser Pausen steht am Ende dieselbe Frage: Wie geht es danach weiter?

Ich kann Play drücken und machen wie vorher. Meistens mache ich das.

Jeremia lässt sich anrühren. Hören Sie das Wort? Gott rührt ihn an, und er lässt sich anrühren. Das ist der ganze Unterschied.

Und erst dann geht es los: ausreißen, einreißen, bauen, pflanzen. Über Völker und Königreiche. Der Junge, der zu jung war. Erst nach der Pause, erst nach der Unterbrechung, in der etwas passiert, in der sich etwas verändert, vielleicht, so stelle ich es mir vor, hat auch der Mann im Evangelium, der den Schatz im Acker findet, kurz innegehalten, eine Pause gemacht. Auch der Kaufmann, der die Perle findet, wird kurz innegehalten, eine Pause gemacht haben. Vielleicht hat die beiden auch etwas angerührt in diesem Augenblick. Die Pause bleibt nicht. Es geht weiter, aber anders.

Wichtig ist nur zu merken, wann es eine Pause braucht. Man muss nur den Daumen auf die Taste kriegen, bevor der Moment vorbei ist.

Und wir tun es viel zu selten.

Wir drücken jetzt mal. Eine Minute. Keine Orgel, kein Blättern, kein Räuspern.

[Eine Minute Stille.]

Das war eine Minute.

Gleich geht es weiter. Es geht immer weiter. Zurück geht es nie.

Lassen Sie sich anrühren.

Amen.