Predigttext: Johannes 9,1–7
Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
Watt
Watt bei ablaufendem Wasser. Ihr kennt das. Das Wasser zieht sich zurück, und da liegt er: der Grund. Grau, weich, glänzend. Der erste Schritt, und der Boden gibt nach. Die Füße sacken ein. Zwischen den Zehen quatscht es. Kalt. Es riecht. Nach Salz, nach Schwefel, nach Fäulnis und Leben. Die Hand geht rein. Was rauskommt, klebt. Zäh, dunkel, bis zum Handgelenk. Das kriegt ihr tagelang nicht ganz aus den Nägeln.
Und ausgerechnet darin: das Leben. Auf einem einzigen Quadratmeter Wattboden leben bis zu zwei Millionen oder mehr individuelle Lebewesen, darunter Millionen Kieselalgen, Tausende Krebse sowie zahlreiche Würmer, Schnecken und Muscheln. Da unten wimmelt es. Und drüber die Vögel, zu Tausenden, weil da unten das Futter liegt. Ich glaube, kein sauberer Ort war je so voll Leben.
Ein Kind begreift das sofort. Setzt sich mitten rein. Backt Matschkuchen. Matsch im Gesicht, Matsch in den Haaren. Selig. Und wir? Wir suchen den Wasserhahn. Oder noch besser: Wir tragen Wattschuhe. Wir wollen das ab haben, gar nicht erst haben. Schnell.
Der Fall am Wegrand
Auch in der Geschichte von heute sitzt einer im Dreck. Am Rand vom Weg. Er ist blind, von Geburt an, und er bettelt, weil etwas anderes für ihn nicht vorgesehen ist. Die Hand ausgestreckt, jeden Tag, seit Jahren. Die Leute kennen ihn. So, wie man einen Gegenstand kennt. Der da. Da, wo er immer sitzt.
Und dann kommen die frommen Leute vorbei. Die Jünger. Sie sehen ihn. Aber sie sehen keinen Menschen. Sie sehen einen Fall. Ein Rätsel. „Wer hat gesündigt? Der da oder seine Eltern?" Sie reden über ihn, als wäre er nicht da. Über seinen Kopf hinweg. Wessen Schuld ist der?
Das ist Vorbeigehen im Stehen. Man bleibt stehen, guckt sogar hin, und geht trotzdem vorbei. Weil man ihn nicht meint. Man meint die Frage. Und wir haben alle unsere Fälle. Den Nachbarn, über den längst entschieden ist. Den in der Familie, den man abgeschrieben hat. Den, von dem man weiß, wie er ist, bevor er den Mund aufmacht. Den, der selber schuld ist an seinem Krebs und seiner Krankheit. Wir gucken hin und sehen die Schublade. Nicht den Menschen.
Saubere Hände
Die Schuldfrage ist eine saubere Frage. Wer nach Schuld fragt, muss nicht anpacken. Und unsere Sprache hat das längst entschieden. Wer nichts angestellt hat, hat eine reine Weste. Wer sich raushält, macht sich nicht die Finger schmutzig. Wer mit einer Sache nichts zu tun haben will, wäscht seine Hände in Unschuld. Ich bin klein, mein Herz ist rein … Sauber heißt unschuldig. Schmutzig heißt schuldig. So reden wir.
Und einer hat das sehr anschaulich vorgeführt. Pilatus. Steht vor dem Unschuldigen, den er gleich ans Kreuz schickt. Lässt sich eine Schüssel bringen, mitten in der Menge. Wäscht sich die Hände. „Ich bin unschuldig an diesem Blut." Saubere Hände. Reine Weste. Und ein Toter.
Und wir? Wir können das auch. Unsere Kirche kann es am besten. Wenn herauskommt, was Männer im Talar Kindern angetan haben — jahrzehntelang, gewusst, gedeckt, von einer Gemeinde in die nächste geschoben —, dann waschen wir die Hände. Setzen eine Kommission ein. Zählen die Fälle. Das waren einzelne. Das war früher. Das waren andere. Ich bin unschuldig. Hände in Unschuld waschen: Das ist die schmutzigste Geste, die es gibt.
Spucke und Sand
Und Jesus? Er wäscht die Hände nicht. Er spuckt. Auf den Boden. Bückt sich. Macht Matsch. Dreck aus Spucke und Sand.
Er fragt den Mann nicht. Fragt nicht um Erlaubnis. Er macht einfach. Nimmt den Brei auf zwei Fingern. Streicht ihn dem Mann übers Gesicht. Auf die Augen. Zwei fremde Daumen, Speichel und Erde, mitten auf der Haut.
Und stell dir vor, du bist der Mann. Dein Leben lang haben sie über dich geredet. Über deinen Kopf hinweg. Und jetzt fasst dich einer an. Nicht mit spitzen Fingern. Mit der ganzen Hand. Ganz nah. Einer, der sich die Finger an dir schmutzig macht.
Kein sauberes Wort von oben. Kein Fingerschnippen. Kein Licht vom Himmel. Spucke. Sand. Eine fremde Hand im Gesicht. So heilt Gott. Wer es gern hygienisch hat, überliest den Vers. Der Vers bleibt trotzdem stehen.
Die Töpferei
Das gab es schon einmal. Ganz am Anfang. Erste Seite der Bibel. Da will Gott einen Menschen. Und wie macht er das? Er nimmt Erde. Lehm. Matsch vom Boden. Nimmt ihn in beide Hände. Formt. Knetet. Bückt sich runter, ganz nah, und haucht. Gottes Hände waren von Anfang an im Dreck. Der Anfang der Welt ist eine Töpferei, kein Thronsaal.
Ein Alter, Irenäus, aus der frühen Kirche hat das gesehen: Was Jesus da tut, ist genau das. Er formt dem Mann ein Auge aus Ton. Macht die Schöpfung an ihm fertig. Der Mann ist kein Fall mehr. Er ist Geschöpf. Fertiggemacht von Gottes eigener Hand. Aus demselben Dreck, aus dem wir alle sind. Der Anfang war nicht sauber. Die Rettung ist es auch nicht. Gott trägt keine weißen Handschuhe. Gott hat Dreck unter den Nägeln.
Kein Museum
Und wir? Ein Glaube, der sauber bleibt, hat noch keinen geheilt. Salz, das im Streuer bleibt, würzt nichts. Es liegt nur rum und ist weiß. Licht, das unterm Eimer steht, leuchtet keinem. Es verglüht im Dunkeln, ganz für sich. Eine Kirche, die ihre Hände sauber hält, in ihrem geputzten Haus bleibt, in weißen Gewändern schön singt und nie dahin geht, wo es dreckig wird — die ist ein Museum. Man kann sie besichtigen. Aber sie heilt nichts. Sie ist tot.
Und mal ehrlich: Wir verstecken uns gerne hinter der sauberen Fassade. Hinter den guten Sachen. Hinter der schönen Musik. Hinter Sätzen, die keinem wehtun. „Das wird schon wieder." „Wir denken an Sie." „Gott hat einen Plan." Fromme Floskeln, an der Haustür abgegeben, damit man nicht rein muss. Es gibt genug, die immer schon reingegangen sind. In die Wohnungen, an die Betten, auf die Höfe. Ohne viel Aufhebens. Die halten mit nichts hinterm Berg. Und wir reden zu oft übers Hingehen und doch Vorbeigehen. Statt hinzugehen.
Wir müssen dahin, wo das Leben nicht sauber ist. Da, wo die Nachbarin seit dem Tod ihres Mannes keinen Besuch mehr kriegt, weil keiner weiß, was er sagen soll. Da, wo auf dem Hof das Geld nicht reicht und einer anfängt, sich zu schämen, und keinem was sagt. Da, wo im Heim einer im Bett liegt und auf Besuch wartet, der nicht kommt. Da, wo hinter einer Haustür eine Hand gegen die eigene Frau fällt und alle so tun, als merkten sie nichts.
Und da, wo am Stammtisch und im Netz der Ton immer brauner wird. Wo geredet wird von denen da oben und uns hier unten. Wo ganze Gruppen zu Sündenböcken gemacht werden — der Fremde, der Muslim, der Geflüchtete am Ortsrand. Wo es anfängt mit einem Spruch und weitergeht mit einer Parole und keiner am Tisch den Mund aufmacht. Genau da will der Glaube hin.
Denn das ist die alte Frage der Jünger, neu gestellt. „Wer ist schuld?" Zeig mir den, der schuld ist an allem — dann bin ich es nicht. Einen Menschen zum Fall machen, zum Schuldigen erklären, damit man ihn abschreiben darf. Jesus macht das nicht mit. Er fragt nicht, wer schuld ist. Er kniet sich hin, macht Dreck und heilt.
Solange es Tag ist
Mittendrin, während er den Brei anrührt, sagt Jesus etwas Merkwürdiges. „Wir müssen wirken, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da kann keiner mehr wirken." Wir. Nicht nur ich. Ihr und ich, wir sind schon mitgemeint. Und: solange es Tag ist. Das Licht steht nicht ewig. Die Nachbarin ist jetzt allein. Der auf dem Hof schämt sich jetzt. Am Stammtisch kippt der Ton jetzt. Solange es hell ist, kann man etwas tun. Also tu es. Jetzt.
Siloah
Der Mann mit dem Dreck im Gesicht bekommt einen Auftrag. „Geh. Wasch dich. Im Teich Siloah." Und Siloah heißt, wenn man es übersetzt: der Gesandte. Er wäscht sich in dem Gesandten. Er wäscht sich in Jesus. Und kommt zurück. Und sieht. Zum ersten Mal im Leben.
Und jetzt kommt das Eigentliche. Er ist nicht mehr der, an dem etwas geschieht. Er wird einer, der handelt. Er redet. Lässt sich den Mund nicht mehr verbieten. Die Frommen verhören ihn, drohen ihm, und er wird immer freier, immer frecher. Am Ende werfen sie ihn raus. Aus der Synagoge. Aus seinem alten Leben. Und Jesus? Sucht ihn. Findet ihn. Nimmt ihn auf. Aus Spucke und Sand ist ein Mensch geworden, der aufsteht. Und eine neue Heimat hat.
Geschwister. Der Glaube wäscht sich nicht in Unschuld. Der Glaube geht dazwischen. Er bleibt nicht sauber am Rand stehen, wo geredet und gehetzt und abgeschrieben wird. Er geht dahin, wo es dreckig ist, und stellt sich dazwischen.
Denn so ist Gott. Er wäscht seine Hände nicht in Unschuld. Nicht bei dir. Er kommt runter. Auf die Knie. Mit den Händen in den Matsch. In den Dreck deines Lebens. In das, was klebt und stinkt und wovon du längst denkst: Das kriegt keiner mehr sauber. Genau da hinein greift er.
Gnade, das sind nicht die weißen Gewänder. Gnade ist Spucke und Dreck, die dich sehen macht. Und dann schickt er dich. Nicht raus aus dem Schlick. Mitten rein. Dazwischen. Amen.