Alle Predigten

Predigt · 21.06.2026

Der Vater rennt

Die Entschuldigung ist auswendig gelernt, Wort für Wort — und sie wird nie ausgepackt: Ein alter Mann rafft sein Gewand und rennt. So ist Gott.

Lukas 15,11-32

Predigttext: Lukas 15,11–32

Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne. Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm.

Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.

Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Der Satz im Kopf

[Vorstellungsgottesdienst des neuen Konfi-Jahrgangs. Vor der Predigt sprechen drei Konfi-Stimmen aus der Geschichte.]

Der jüngere Sohn: Ich, der jüngste Sohn, habe die Hälfte vom Erbe bekommen und bin weggegangen, um mir mein eigenes Leben aufzubauen. Am Anfang war ich noch mutig und dachte, es könnte was werden. Als ich dann das Geld verschwendet hatte, hatte ich Angst zurückzukehren. Als ich mich überwunden hatte zurückzugehen, war ich sehr unsicher und hatte Angst vor der Reaktion von meinem Vater und meinem älteren Bruder. Als ich ankam und mich schuldig fühlte, war mein Vater froh, dass ich zurück war — auch wenn ich kein Geld mehr übrig hatte. Er richtete trotzdem ein Fest für mich aus. Das fand mein Bruder nicht so toll. Und ich war froh, dass mein Vater mir vergeben hat.

Der ältere Sohn: Ich, der älteste Sohn, finde es unfair, dass mein jüngerer Bruder eine Feier bekommt — dafür, dass er einfach weggegangen ist und das ganze Geld ausgegeben hat. Ich finde es ungerecht, dass er die ganze Aufmerksamkeit von unserem Vater bekommt. Als er weg war, war ich sehr traurig und enttäuscht. Ich habe darüber nachgedacht, ob er überhaupt noch einmal wiederkommt. Zwischendurch dachte ich, dass wir ihn komplett verloren haben und er nie mehr wiederkommt. Deshalb habe ich einfach normal weitergearbeitet, wie immer. Doch eines Tages kam er zurück — aber ohne Geld. Ich hatte das Gefühl, dass mein Vater mich an die zweite Stelle setzt. Ich wünsche mir, dass er mich auch so behandelt.

Der Vater: Ich bin enttäuscht, dass mein jüngerer Sohn das Geld nur für Alkohol und Feiern ausgegeben hat. Aber ich war so froh über seine Rückkehr, dass ich trotzdem ein großes Fest gefeiert habe. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn noch einmal wiederzusehen. Mein älterer Sohn fühlt sich von mir vernachlässigt — dabei hat er doch alles und kann sich jederzeit selbst ein Fest ausrichten. Der Ältere muss keine Ansprüche stellen. Er hat immer alles bekommen.

Liebe Geschwister, ihr kennt das. Ihr habt was verbockt. Die Mathearbeit verhauen. Etwas kaputt gemacht. Eine Sache, die euch anvertraut war. Und ihr wisst genau: Das gibt Ärger. Auf dem Weg nach Hause legt ihr euch schon die Sätze zurecht. Wie ihr es erklärt. Wie ihr es ein bisschen besser aussehen lasst. Ein Satz. Und noch einer. Damit es leichter wird, wenn ihr gleich die Tür aufmacht.

Der jüngere Sohn legt sich auch seine Sätze zurecht. Den ganzen langen Weg. „Vater, ich habe Mist gebaut. Ich bin es nicht mehr wert." Er lernt das auswendig. Wort für Wort. Dann steht er da und sagt es auf. Und kommt nicht weit. Denn der Vater rennt. Ein alter Mann. Er rafft sein Gewand und rennt los. Das macht man damals nicht. Ein Hausherr rennt nicht. Dieser rennt. Er fällt dem Jungen um den Hals. Mitten im schönen, auswendig gelernten Satz. Die Entschuldigung ist fertig eingepackt. Und sie wird gar nicht erst ausgepackt.

Und dann ist da der andere. Der Ältere. Den ganzen Tag auf dem Feld. Er kommt nach Hause und hört Musik. Er fragt einen Knecht: Was ist hier los? Und als er es hört, bleibt er draußen stehen. Arme verschränkt. Die Tür offen. Das Fest drinnen. Und er geht nicht rein. Ich kann ihn gut verstehen. Er hat alles richtig gemacht. Jeden einzelnen Tag. Geholfen. Mitgearbeitet. Nie Ärger gemacht. Und gefeiert wird für den, der alles vergeigt hat. Das kennt ihr vielleicht. Ihr räumt jeden Tag euer Zimmer auf. Und der kleine Bruder kriegt ein Eis, weil er einmal den Tisch deckt. Das ist ungerecht. Und es tut weh.

Der Vater rennt

Jetzt passiert etwas, das man leicht überhört. Der Vater geht raus. Schon wieder. Eben ist er dem Jüngeren entgegengerannt. Jetzt geht er dem Älteren nach. Zu beiden geht er hinaus. Zu dem, der weg war. Und zu dem, der die ganze Zeit da war und sich übersehen fühlt. Und er sagt einen Satz, den ich mir aufschreiben würde: „Mein Kind, du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört dir."

Diese Geschichte erzählt Jesus. Und der Vater darin — das ist Gott. Hört das genau: So ist Gott. Der eine Sohn hat alles verspielt. Und Gott rennt ihm entgegen, bevor er seinen Satz fertig hat. Ihr könnt nicht so tief fallen, dass Gott euch nicht entgegenkommt.

Der Ältere

Aber da ist ja noch der andere. Der alles richtig gemacht hat. Der jeden Tag geholfen hat und sich übersehen fühlt. Auch zu ihm geht der Vater hinaus. Und sagt ihm den schönsten Satz der ganzen Geschichte: „Du bist immer bei mir. Und alles, was mir gehört, gehört dir."

Hört, was da steht. Der Ältere hat die ganze Zeit alles gehabt. Das ganze Haus. Den ganzen Vater. Er hätte jeden Tag feiern können. Er hat sich nur wie ein Knecht gefühlt, wo er ein Kind war.

Die Zusage

Und das ist die Zusage. An den, der wegläuft: Wenn du fällst, fange ich dich auf. An den, der bleibt: Du hast schon alles. Du musst dir nichts verdienen. Und am Tag, an dem auch du fällst, renne ich auch dir entgegen. Gott zählt nicht mit. Bei Gott seid ihr alle gleich nah dran.

Euer Jahr

Ihr fangt jetzt euer Konfijahr an. Die einen von euch machen wahrscheinlich vieles richtig. Die anderen bauen auch mal Mist. Für die einen wie für die anderen gilt dasselbe: Ihr gehört dazu. Einfach so.

Die Tür steht offen. Das Fest läuft längst. Und Gott wartet nicht, bis ihr perfekt seid. Gott rennt euch entgegen. Heute. Hier. Amen.