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Predigt · 07.06.2026

Radikal Großzügig

Payback-Punkte an der Kasse, Gummibärchen auf dem Kindergeburtstag: Über das Rechnen, das wir erst lernen müssen — und eine alte Frau, die immer einen Platz frei hält.

Apostelgeschichte 4,32-37

Predigttext: Apostelgeschichte 4,32–37

Die ganze Schar derer, die glaubten, war ein Herz und eine Seele. Keiner sagte von dem, was er besaß: Das gehört mir allein. Sie hatten alles gemeinsam. Mit großer Kraft bezeugten die Apostel, dass Jesus, der Herr, auferstanden ist, und über ihnen allen lag eine große Gnade.

Es gab keinen unter ihnen, der Not litt. Denn wer ein Grundstück oder ein Haus hatte, verkaufte es, brachte das Geld und legte es den Aposteln vor die Füße. Und jeder bekam, was er nötig hatte.

Da war auch Joseph, ein Levit von der Insel Zypern. Die Apostel nannten ihn Barnabas, das heißt übersetzt: Sohn des Trostes. Er hatte einen Acker. Den verkaufte er, brachte das Geld und legte es den Aposteln vor die Füße.

An der Kasse

Liebe Geschwister, neulich stand ich an der Kasse. Discounter, Feierabend, alle müde. Vor mir ein Mann mit einem ganzen Stapel: Coupons, Bons, die Payback-Karte mit den Bonuspunkten. Und an der Kasse ging das Sortieren los. Welcher Rabatt auf welches Produkt, welcher Punkt auf welchen Einkauf, damit am Ende genau die perfekte Summe herauskommt. Die Kassiererin wartet, die Schlange wird länger, und der Mann rechnet und schiebt und tauscht.

Ich gebe zu, ich habe erst gedacht: Mann, jetzt mach hin. Aber dann habe ich es mir noch einmal überlegt. Vielleicht muss dieser Mann jeden Cent zweimal umdrehen. Vielleicht ist das für ihn bitterer Ernst. Das gibt es, das ist real, und das hat nichts Peinliches. Und doch gibt es auch das andere: Da ist aus dem Sparen ein Sport geworden. Extreme Couponing, ganze Fernsehsendungen darüber. Der Kick, am wenigsten zu zahlen. Wer am Ende die niedrigste Summe auf dem Bon hat, hat gewonnen.

„Geiz ist geil", hieß das einmal in der Werbung. Gelbe Schrift, Anfang der Zweitausender. Und irgendwie ist das in uns hineingekrochen. Haben, haben, haben. Möglichst viel, möglichst günstig. Und kaum hat man es, will man schon das Nächste.

Die ganze Tüte

Ich habe daneben ein ganz anderes Bild im Kopf. Letztens auf einem Kindergeburtstag — Sie kennen das, dieses wunderschöne Chaos: zu laut, zu viel Kuchen, zu viel Zucker, irgendwo weint einer, irgendwo klebt etwas. Und mittendrin steht mein Sohn, fünf Jahre alt, mit einer Tüte Gummibärchen. Und fängt an, sie zu verteilen. Geht zu jedem hin, reicht die ganze Tüte herum, bis nichts mehr drin ist. Wahllos, fröhlich, an alle. Auch an die, die eigentlich gar keine mehr wollen. Auch das letzte rote, das eigentlich sein Lieblings war.

Und ich daneben werde ganz nervös. „Heb dir doch was auf!" „Du musst doch nicht alles verschenken!" „Pass auf, dass du selber noch etwas hast!" — will ich sagen. Tue ich zum Glück nicht. Denn da habe ich gemerkt: Das Rechnen, das bringen wir erst bei. Kinder können das anfangs gar nicht, dieses Abwägen, dieses „Was habe ich nachher noch, was springt für mich raus?". Die geben einfach. Weil Geben Spaß macht. Weil das Gesicht des anderen schön ist, wenn er etwas bekommt. Großzügigkeit steckt längst in uns, von Kindesbeinen an. Wir müssen sie nur wiederfinden.

Aber unsere Welt bringt uns das Rechnen gründlich bei. Wir leben in einer Gesellschaft, die das Haben zur höchsten Kunst gemacht hat. In der einige so viel besitzen, dass sie es in drei Leben nicht ausgeben könnten, während andere am Monatsende das Pfandflaschengeld zusammenkratzen. In der jeder für sich optimiert: sein Konto, seine Rente, seinen kleinen Vorteil. Und je mehr jeder für sich rechnet, desto einsamer werden wir alle. Wo gibt es das heute eigentlich noch — ein Herz und eine Seele? Wo legt einer das Seine in die Mitte und sagt: Das ist ab jetzt unser?

Ein Herz und eine Seele

Es gab das einmal. Ganz am Anfang, in Jerusalem. Eine kleine Gemeinde, frisch im Glauben, mitten in einer großen, lauten Stadt. Und über ihr steht der Satz, den wir vorhin gehört haben: Sie waren ein Herz und eine Seele. Keiner sagte von dem, was er hatte, das sei sein privates Eigentum. Aus „mein" war „unser" geworden. Und es heißt: Es war keiner unter ihnen, der Not litt. Stellen Sie sich das vor. Keiner, der Not litt. Was die alten Schriften erträumt hatten — kein Armer soll unter euch sein —, hier wird es für einen Moment wahr.

Und diese Leute waren ganz normale Menschen. Mit ganz normaler Angst ums eigene Auskommen. Und trotzdem konnten sie loslassen. Warum? Im Text steht ein kleiner Satz, fast nebenbei: „Große Gnade lag auf ihnen allen." Das ist der Schlüssel. Ihre Großzügigkeit kam aus dieser Gnade. Sie war die Antwort auf das, was sie längst empfangen hatten.

Und mitten in dieser Gemeinde einer, der das vormacht. Josef heißt er, ein Levit von der Insel Zypern — eigentlich ein Zugereister, einer von weiter weg, ein Außenseiter. Er hat einen Acker. Land, das war damals alles auf einmal: Sparbuch, Rente, Sicherheit fürs Alter. Er verkauft ihn, bringt das Geld und legt es einfach hin, den anderen zu Füßen. Die Gemeinde gibt ihm dafür einen neuen Namen: Barnabas, Sohn des Trostes. Sein Acker ist längst vergessen. Der Name ist geblieben.

Der ehrliche Teil

Aber, liebe Geschwister — und jetzt kommt der ehrliche Teil — die Geschichte geht weiter. Gleich danach, im nächsten Kapitel, kommt ein anderes Paar: Hananias und Saphira. Auch sie verkaufen ein Grundstück. Auch sie bringen das Geld zu den Aposteln. Aber sie behalten heimlich etwas zurück. Für alle Fälle. Man weiß ja nie. Und sie tun so, als hätten sie alles gegeben.

Ich finde, das ist die menschlichste Stelle der ganzen Geschichte. Denn genau da kippt es. Da, wo das Rechnen wieder anfängt. Wo aus dem offenen „unser" wieder ein heimliches „mein" wird. Wo die Angst zurückkommt und flüstert: Behalt lieber etwas zurück, sicher ist sicher. Und ich frage mich: Wann passiert das bei mir? Wann kippt Großzügigkeit in Bewahren, ins Festhalten, in die leise Gier? Ich glaube, es ist meistens ganz unspektakulär. Der kleine Moment, in dem ich anfange auszurechnen, was ich gerade noch entbehren kann, ohne dass es weh tut. Wo ich gebe — aber nur vom Rest.

Der freie Platz

Dem gegenüber steht noch ein Bild. Ich kenne eine Frau, hier bei uns in der Gegend. Schon älter, lebt allein, kleine Rente, wirklich nicht viel. Die Wohnung winzig, der Teppich durchgelaufen. Aber wenn Sie bei ihr klingeln, dann steht innerhalb von zwei Minuten Kaffee auf dem Tisch und irgendetwas Süßes daneben. Wer hereinkommt, bekommt etwas. Immer. Ich habe sie einmal gefragt, wie sie das macht, bei dem bisschen Geld. Da hat sie gelacht und gesagt: „Ach, es ist ja immer genug da. Man muss nur einen Platz frei halten."

Diese Frau gibt nicht von ihrem Überfluss — sie hat ja keinen. Sie gibt von dem Wenigen, das sie hat. Und genau das macht es so groß. Das ist radikale Großzügigkeit: einen Platz frei halten, mittendrin, auch wenn es eigentlich knapp ist. Da ist sie wieder, die Witwe aus dem Tempel mit ihren zwei kleinen Münzen, von der Jesus sagt: Die hat mehr gegeben als alle. Großzügigkeit fängt da an, wo das Rechnen aufhört. Wo einer mehr gibt, als er eigentlich kann.

Die große Gnade

Und jetzt kommt alles zusammen. Wo kommt sie eigentlich her, diese Großzügigkeit? Ich glaube, sie fängt ganz hinten an: beim Bekommen, lange bevor wir ans Geben denken. Denn wenn ich ehrlich bin: Alles, was ich habe, habe ich bekommen. Mein Leben hat mir keiner in Rechnung gestellt. Den Frühling nicht, die Luft nicht, das Brot auf dem Tisch — das Korn hat ein anderer gesät, lange vor mir. Wir sind beschenkte Leute, von vorne bis hinten. Wir merken es bloß selten.

Das ist die große Gnade, von der der Predigttext spricht. Gott ist großzügig. Verschwenderisch großzügig. Er rechnet nicht nach, ob wir es verdient haben. Er hat zuerst gegeben — sich selbst, in Jesus, ganz und ohne Rechnung. „Umsonst habt ihr empfangen", sagt Jesus, „umsonst gebt es weiter." Mehr Programm braucht der Glaube eigentlich nicht.

Und wenn das stimmt — wenn wir längst beschenkt sind, reich beschenkt —, dann können wir die Hand aufmachen. Dann muss die Angst nicht mehr das Kommando führen. Dann ist immer ein bisschen mehr da, als die Rechnung sagt. Hananias hat das vergessen und wieder angefangen zu rechnen. Barnabas hat es gewusst und den Acker hergegeben. Und die alte Frau weiß es bis heute: Es ist ja immer genug da.

Radikal großzügig sein heißt am Ende: leben wie ein Mensch, der weiß, dass er beschenkt ist. Der einen Platz frei hält — weil bei ihm selber ein Platz frei gehalten wird. Von Gott.

Der Regen zieht über den Deich. Das Korn wächst, das wir nicht gesät haben. Das Brot liegt auf dem Tisch. Und es ist genug da. Für mich, und für den, der neben mir sitzt. Amen.