31. Januar 2026 Johannes 3,1-13

Segensreich

Trinitatis. Büsum und Wesselburen. Mit den neuen Konfis 2026/27. Der Predigttext aus dem Johannesevangelium ist hier frei erzählt — so, wie er auch im Gottesdienst geklungen hat.

Predigttext: Johannes 3,1-13 (frei erzählt)

Da war ein Mann. Nikodemus. Einer der Gelehrten, ein kluger Kopf in Israel. Und der schleicht sich, nachts, heimlich zu Jesus. Weil er etwas wissen will.

Meister, sagt er, wir wissen ja: Du bist von Gott gekommen. Sonst könntest du das alles nicht tun.

Und Jesus spart sich alle Höflichkeit und legt gleich los: Wer nicht von neuem geboren wird, der sieht das Reich Gottes nicht.

Nikodemus stutzt. Von neuem geboren? Wie soll das gehen? Ein Mensch kann doch nicht zurück in den Bauch seiner Mutter.

Und Jesus sagt: Der Wind weht, wo er will. Du hörst ihn rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt. Und du weißt nicht, wohin er geht. So ist das mit dem, der aus dem Geist geboren ist.

Nikodemus schüttelt den Kopf. Wie soll das gehen?

Und Jesus: Du bist ein Lehrer in Israel — und weißt das nicht? Wenn ihr mir schon nicht glaubt, wenn ich von den Dingen dieser Welt rede — wie wollt ihr mir dann glauben, wenn ich von den Dingen des Himmels erzähle?

Die Predigt

Kennt ihr das?

Ihr sitzt am Tisch. Eine Frage kommt auf. Und statt erstmal zu überlegen — Google. Google muss es wissen. Erst recht jetzt, mit all den schlauen KIs. Google liefert immer eine gute Antwort. Auf alles.

Und wenn euch das nicht reicht, sucht ihr weiter. Und weiter. Und weiter.

Das fängt an bei einem Schnupfen. Bei dem meine Oma noch gesagt hätte: Nun stell dich mal nicht so an. Und wenn ihr mit dem Googeln fertig seid, habt ihr eine offene Lungenentzündung. Endstadium.

Wir wollen’s wissen. Alles im Griff. Mit unseren Smartwatches. Die uns sogar mitten im Gottesdienst raten, doch mal eine Entspannungsübung zu machen — weil der Kollege uns wieder völlig gestresst hat.

Wir messen. Wir suchen. Wir klicken.

Und manchmal glaube ich: Je mehr wir suchen, desto weniger verstehen wir.

Denn da sind ja auch die anderen Dinge. Die, die man zwar googeln kann — aber die keine Antwort haben. Liebeskummer. Traurigkeit. Verliebt sein. Wie geht das eigentlich? Wie fühlt sich das an?

Es gibt Dinge, an denen hört das Wissen auf. Egal, wie lange wir suchen.

Klar. Ich kann auch das googeln. Ich zitiere:

„Liebeskummer ist wie ein Entzug, da der Körper weniger Bindungs- und Glückshormone ausschüttet. Der beste Weg, damit umzugehen, ist ein strikter Kontaktabbruch, das bewusste Zulassen der Trauer sowie das Verbannen der Erinnerung."

Na. Hat’s geholfen?

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Den Satz sagt einer, der’s wissen muss. Hamlet. Prinz von Dänemark. Ein kluger Kopf, ein Studierter. Er sagt ihn nachts. Oben auf der Burgmauer. Es ist dunkel, der Wind geht kalt. Und gerade ist etwas geschehen, das sich nicht erklären lässt. Etwas, das keiner googeln kann. Sein Freund Horatio, der nüchterne, der mit beiden Beinen im Wissen steht — der kommt nicht mit. Und Hamlet sagt ihm: Du mit deiner Schulweisheit. Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als du dir träumen lässt.

Nacht. Wind. Und einer, der alles erklären will und merkt: Hier reicht’s nicht.

Kommt euch das bekannt vor?

Da war noch so einer. Nachts. Auch ein kluger Kopf.

Nikodemus. Das war quasi das Google der Zeit. Wollte man etwas wissen, dann ging man zu Nikodemus.

Ihr habt’s eben gehört. Einer der Gelehrten. Einer, der die Schriften kennt. Einer, der was zu sagen hat in Israel. Und der schleicht sich im Dunkeln zu Jesus. Heimlich. Weil er was wissen will.

Und er fängt höflich an. So wie man das macht unter gebildeten Leuten. Meister, wir wissen ja, du kommst von Gott.

Aber Jesus spart sich die Höflichkeit. Jesus legt gleich los. Wer nicht von neuem geboren wird, der sieht das Reich Gottes nicht.

Und jetzt passiert mit Nikodemus genau das, was mit uns passiert. Er versteht’s nicht. Und sofort fängt er an zu rechnen. Von neuem geboren? Wie soll das gehen? Soll ich zurück in den Bauch meiner Mutter? Das ist doch unmöglich.

Nikodemus googelt. In seinem Kopf. Er sucht die Bedienungsanleitung. Schritt eins, Schritt zwei. Er will wissen, wie das funktioniert.

Und er kapiert kein Wort.

Der klügste Mann im Raum. Und er steht da wie ein Schuljunge.

Und wisst ihr was? Ich hab’s ausprobiert.

Ich hab Nikodemus’ Frage gegoogelt. Wortwörtlich. „Wie wird man neu geboren?"

Und Google liefert. Natürlich liefert Google. Drei Schritte. Eine Anleitung. Da steht: Erst muss eine grundlegende Änderung im Menschen stattfinden. Du musst dich ändern. Du musst es wollen. Du musst die Bedingung erfüllen. Und dann — dann darfst du rein ins Reich Gottes.

Klingt einleuchtend. Klingt nach Plan. Erst die Leistung, dann der Lohn.

Und ich sag’s, wie ich’s meine: Das ist diese fromme Bedingungs-Theologie, die ich für falsch halte. Zutiefst falsch. Dieses: Streng dich an, dann hat Gott dich lieb. Werde erst ein besserer Mensch, dann darfst du dazugehören. Erfüll die Bedingungen, dann kriegst du den Segen.

Nein.

Gottes Liebe hat keine Eintrittsbedingung. Gnade ist kein Lohn. Und der Segen ist nichts, was man sich verdient.

Schaut euch das Wort doch mal an. Geboren werden. Hat das je einer von uns selbst hingekriegt? Hat sich hier irgendwer im Raum selbst geboren? Erst die Bedingung erfüllt, dann auf die Welt gekommen?

Niemand. Kein Mensch macht sich selbst. Du wirst geboren. Das passiert dir.

Andere tragen dich, andere halten dich, du fällst raus ins Leben — und keiner hat dich vorher gefragt, ob du gut genug bist.

So meint es Jesus. Von neuem geboren — das ist nichts, was du machst. Nichts, was du dir verdienst. Das geschieht dir.

Geschenkt. Umsonst.

Nikodemus fragt: Wie soll das gehen?

Und die Antwort ist: Gar nicht. Es geht nicht. Es wird dir gegeben.

Und Jesus gibt ihm keine Antwort.

Jesus gibt ihm Wind.

Der Wind weht, wo er will. Du hörst ihn rauschen. Aber du weißt nicht, woher er kommt. Und du weißt nicht, wohin er geht.

Geht mal raus auf den Deich. Bei ordentlich Wind. Ihr seht ihn nicht. Ihr könnt ihn nicht festhalten. Ihr könnt ihn nicht bestellen und nicht abstellen. Aber er ist da. Er packt euch. Er fährt euch in die Jacke und durch die Haare, und ihr wisst genau: Das ist echt.

So ist das mit dem Geist, sagt Jesus. So ist das mit Gott.

Du kannst ihn nicht googeln. Du kannst ihn nicht messen. Keine Smartwatch der Welt schlägt aus, wenn Gott dir nahe kommt.

Aber er ist da.

Und Nikodemus, der Kluge, der schüttelt den Kopf. Wie soll das gehen?

Und ich glaube, das ist die falsche Frage. Manche Dinge gehen nicht. Manche Dinge geschehen.

Wir haben ein paar Worte. Ganz alte Worte.

Ihr habt sie eben gehört, gleich am Anfang. Gott segne dich und behüte dich.

Diese Worte sind uralt. Forscher haben sie auf zwei winzigen Silberröllchen gefunden. Zusammengerollt, kleiner als euer kleiner Finger. Fast dreitausend Jahre alt. Und wisst ihr, wo sie lagen?

In einem Grab.

Man hat sie einem Toten mitgegeben. In die Dunkelheit. Über die Grenze hinaus, hinter der niemand mehr was weiß und niemand mehr was erklären kann. Da, wo das Googeln endgültig aufhört.

Worte, die tragen. Auch dort.

Und diese Worte — die erklären gar nichts. Die sagen dir nicht, wie das geht. Die legen sich einfach auf dich drauf. Wie eine Hand.

Einer meiner wichtigsten Lehrer: Fulbert Steffensky. Ein weiser, alter Mann. Mein Nikodemus, quasi. Und der hat über das Segnen einen Satz gesagt, den vergesse ich nie. Er hat gesagt: Manche machen aus dem Segen einen Vortrag. „Wenn ich dir jetzt die Hand auflege, dann bedeutet das, dass ich dir alles Gute wünsche für deinen Weg, und das Auflegen der Hand steht symbolisch für …"

Und mein Lehrer hat gesagt:

Leg die Hand auf und halt’s Maul.

Die Erklärung vertreibt die Poesie aus der Geste. Das Geheimnis. Und das Schweigen, das an dieser Stelle kostbarer ist als alle Beredtheit.

Beim Segen muss ich nicht denken. Beim Segen muss ich nichts verstehen. Beim Segen darf ich mich einfach fallen lassen.

Und genau das machen wir jetzt.

Heute fangen ein paar von euch ganz neu an. Ihr müsst hier gar nichts verstehen. Ihr müsst nichts können, nichts wissen, keine Prüfung bestehen. Ihr müsst euch nur was zusprechen lassen.

Denn das Schöne ist: Der Segen gehört nicht mir. Der klebt nicht am Talar. Der ist nicht in mein Amt eingebaut.

Den kann jeder weitergeben.

Vater und Mutter legen ihn ihren Kindern abends auf. Großeltern den Enkeln. Ein Mensch dem anderen.

Aus Menschen, die gesegnet werden, werden Menschen, die segnen.

Und darum bitte ich euch jetzt: Wendet euch eurem Nachbarn zu. Der Frau neben euch, dem Mann, dem Kind. Legt ihm eine Hand auf die Schulter, oder schaut ihn einfach an. Und dann sagen wir uns das gemeinsam zu. Ihr müsst nichts können. Sprecht einfach nach:

Gott segne dich.

Gott behüte dich.

Gott gebe dir Frieden.

Amen.