31. Januar 2025 Hebräer 13,8-9a

Derselbe: Gestern, Heute und in Ewigkeit - Silvester

An der Schwelle

Dialog zwischen zwei Personen

Zwei Personen. Eine Schwelle. Person A steht davor. Person B steht schon auf der anderen Seite.

A: Wie lange stehst du da schon?

B: Weiß nicht. Zehn Minuten vielleicht.

A: Warum gehst du nicht einfach rüber?

B: (lacht kurz) Einfach.

A: Ja. Ein Fuß vor den anderen.

B: (Pause) Wer bist du?

A: Wie bitte?

B: Auf der anderen Seite. Wer bist du da?

A: Ich bin… ich. Wer denn sonst?

B: Bist du sicher?

A: Es ist eine Linie auf dem Boden.

B: Es ist eine Schwelle.

A: Was ist der Unterschied?

B: Eine Linie überquert man. Eine Schwelle überschreitet man.

A: Und?

B: Und ich weiß nicht, wer auf der anderen Seite steht.

A: (kommt näher) Darf ich dir was sagen?

B: Ja.

A: Ich auch nicht. Ich wusste auch nicht, wer ich sein würde.

B: Aber du stehst schon drüben.

A: Ja.

B: Wie hast du das gemacht?

A: Ich bin nicht allein gegangen.

B: Wer war bei dir?

A: (denkt nach) Meine Mutter. Sie hat meine Hand gehalten, als ich klein war. Jede Türschwelle. Jede Bordsteinkante.

B: Sonst noch jemand?

A: Mein bester Freund. Der hat mich über die Schwelle in meine erste eigene Wohnung getragen. Betrunken. Wir haben fast die Treppe runtergerissen.

B: (lächelt leicht)

A: Als mein Vater starb. Ich stand am Grab und konnte nicht gehen. Meine Schwester nahm meinen Arm und sagte: “Wir gehen jetzt.” Und dann sind wir gegangen.

B: Und jetzt? Was hindert dich?

A: Angst.

B: Wovor?

A: Dass ich nicht mehr zurück kann.

B: Stimmt. Kannst du nicht.

A: Das hilft jetzt nicht wirklich.

B: Nein. Aber es ist ehrlich. (Pause) Willst du zurück?

A: Weiß nicht.

B: Willst du hier stehenbleiben?

A: Nein.

B: Dann bleibt nur eins übrig.

A: Rübergehen.

B: Rübergehen.

A: Zusammen?

B: Wenn du willst.

A: Und dann? Wer bin ich dann?

B: Das sehen wir dann.

(B kommt zur Schwelle. A streckt die Hand aus. B nimmt sie. Gemeinsam überschreiten sie die Schwelle. Beide stehen jetzt auf der anderen Seite.)

B: (sieht sich um) Sieht aus wie vorher.

A: Ja.

B: Fühlt sich nicht so an.

A: Nein.

B: Danke.

A: Wofür?

B: Dass du gewartet hast.


Vorspeisenteller

Neulich im Restaurant.

Wir sitzen zu viert. Der Kellner kommt.

“Wollen Sie eine Vorspeise?”

Wir nicken. Natürlich wollen wir.

“Wir haben heute einen Vorspeisenteller mit mediterranen Spezialitäten.”

Klingt gut.

Er zählt auf:

Oliven. Hummus. Tzatziki. Gefüllte Weinblätter. Auberginencreme. Feta. Pepperoni. Fladenbrot. Geröstete Paprika. Artischockenherzen.

Ich höre schon nicht mehr zu.

Mein Kopf ist voll.

Der Teller kommt.

Er ist riesig.

Und bunt.

Alles liegt da. Nebeneinander. Durcheinander.

Meine Freunde greifen zu.

Jeder probiert. Jeder hat eine Meinung.

“Die Oliven sind zu salzig.”

“Der Hummus ist perfekt.”

“Warum sind die Pepperoni so scharf?”

“Ich mag keinen Feta.”

“Das Fladenbrot ist noch warm!”

“Die Aubergine schmeckt komisch.”

Ich sitze da.

Starre auf den Teller.

“Was ist mit dir?”

“Es ist zu viel.”

“Du musst nicht alles nehmen.”

Also nehme ich mir eine Olive.

Eine einzige.

Lasse den Rest liegen.

Meine Freunde essen weiter.

Diskutieren weiter.

Vergleichen. Bewerten. Kommentieren.

Und plötzlich denke ich:

So sieht mein Leben aus.

Jeden Morgen wache ich auf.

Und der Vorspeisenteller liegt wieder da.

Instagram und Tagesschau.

WhatsApp und Weltpolitik.

Netflix und Nachrichten vom Krieg.

Kochrezepte und Klimakrise.

Urlaubsfotos und Ukraine.

Und alle haben eine Meinung.

Zu allem.

Und ich soll auch eine haben.

Ich soll probieren.

Ich soll bewerten.

Ich soll entscheiden.

Aber ich bin satt.

Bevor ich überhaupt gegessen habe.

Der Kellner kommt zurück.

Sieht meinen Teller.

Nur eine Olive fehlt.

Der Rest ist unangetastet.

“Sie haben fast nichts genommen”, sagt er.

“Nein.”

“War es nicht gut?”

“Doch. Aber es war zu viel.”

Er nickt langsam.

“Wissen Sie”, sagt er, “so einen Vorspeisenteller… das ist eigentlich nur Show.”

“Show?”

“Ja. Wenn zu wenig drauf ist, murren die Leute. Also packen wir alles drauf. Damit es was hermacht.”

“Und?”

“Und dann sind sie überfordert. Oder unzufrieden. Weil sie nicht alles schaffen. Oder weil’s nicht alles schmeckt.”

“Und was machen Sie?”

“Ich?” Er lächelt. “Ich esse nur, was ich wirklich will. Nicht, was auf dem Teller liegt.”

Er nickt in Richtung meines Tellers.

“Die Olive war eine gute Wahl”, sagt er.

Und geht.

Ich sitze da.

Meine Freunde reden noch immer.

Über den Hummus, die Pepperoni, den Feta.

Und ich denke:

Was trägt mich?

Was nährt mich wirklich?

Was macht mich satt?

Was gibt mir Halt?

Nicht den ganzen Teller.

Nicht alle Meinungen.

Nicht jede Nachricht.

Nicht jedes Gefühl.

Vielleicht nur die Olive.

Vielleicht nur ein Gedanke:

Ich muss nicht alles.

Ich gehe nach Hause.

Der Vorspeisenteller ist immer noch da.

Morgen. Übermorgen. Jeden Tag.

Aber vielleicht nehme ich mir morgen wieder nur eine Olive.

Oder das Fladenbrot.

Oder gar nichts.


Dinner for One

Sie kennen “Dinner for One”.

Den Film, den wir jedes Jahr an Silvester schauen.

Miss Sophie feiert ihren 90. Geburtstag.

Allein.

Ihre Freunde sind alle tot.

Aber sie tut so, als wären sie da.

Butler James serviert.

Für jeden toten Freund ein Gang.

Für jeden Gang ein Toast.

Für jeden Toast ein Glas Wein.

Und zwischen den Gängen liegt der Tigerkopf.

James stolpert drüber.

Beim ersten Gang. Beim zweiten. Beim dritten. Beim vierten.

“The same procedure as last year, Miss Sophie?”

“The same procedure as every year, James.”

Beim fünften Gang kann James kaum noch laufen.

Er ist betrunken.

Er schwankt. Stolpert. Fällt fast.

Aber er macht weiter.

Immer weiter.

The same procedure.

Und wir lachen.

Jedes Jahr lachen wir.

Über James, der über den gleichen Tigerkopf stolpert.

Über Miss Sophie, die Tote bedient.

Über das absurde Ritual.

Aber was wäre, wenn.

Was wäre, wenn James plötzlich stehen bleibt.

Mitten im Raum.

Mit dem Tablett in der Hand.

Und er sieht Miss Sophie an.

Und er sagt:

“Nein.”

“Wie bitte?”

“Nein. Ich mache das nicht mehr.”

“Aber James, es ist doch immer so.”

“Ja. Genau deshalb.”

Er stellt das Tablett ab.

Geht zum Tisch.

Setzt sich.

“Was machst du da?”

“Ich setze mich.”

“Aber du bist der Butler!”

“Ich bin müde.”

Stille.

Miss Sophie sieht ihn an.

Lange.

Dann sagt sie leise:

“Ich auch.”

James nickt.

“Warum machen wir das dann?”

Miss Sophie sieht auf den Tisch.

Auf die leeren Stühle.

Auf die Gläser für die Toten.

“Weil ich nicht weiß, wie es anders geht.”

“Weil das hier alles ist, was ich habe.”

“Weil ich Angst habe.”

“Wovor?”

Sie schweigt lange.

Dann sagt sie:

“Vor der Tür.”

James steht auf.

Geht zur Tür.

Öffnet sie.

Draußen ist Leben.

“Kommen Sie”, sagt James. “Wir gehen.”

“Wohin?”

“Raus. Zu den Lebenden.”

Miss Sophie sieht zur offenen Tür.

Dann zu den leeren Stühlen.

Dann zu James.

“Und wenn wir stolpern?”

“Dann stolpern wir. Aber nicht über den Tigerkopf.”

“The same procedure?”

“Nein. Eine neue Prozedur.”

Er streckt ihr die Hand hin.

Sie nimmt sie.

Steht auf.

Gemeinsam gehen sie zur Tür.

Treten hinaus.

Der Tigerkopf liegt immer noch da.

Mit den leeren Stühlen.

Und den Gläsern für die Toten.


Derselbe

Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit.

Derselbe.

Nicht “der gleiche”.

Derselbe = identisch.

Der gleiche = ähnlich.

Zwei Tassen Kaffee sind gleich.

Aber nicht dieselben.

Meine Tasse heute morgen und meine Tasse gestern.

Gleich. Aber nicht dieselbe.

Jesus Christus – derselbe.

Nicht ein ähnlicher.

Nicht ein vergleichbarer.

Nicht ein angepasster.

Derselbe.

Gestern.

Als die Welt noch analog war.

Als Briefe noch mit der Post kamen.

Als wir Zeit hatten.

Derselbe.

Heute.

Im digitalen Zeitalter.

In der Beschleunigung.

Im Vorspeisenteller des Lebens.

Derselbe.

In Ewigkeit.

Wenn wir längst vergessen sind.

Wenn unsere Enkel alt sind.

Wenn die Welt ganz anders aussieht.

Derselbe.

Das ist der Rahmen.

Um alles.

Um mein Leben.

Um dein Leben.

Um das Jahr, das geht.

Um das Jahr, das kommt.

Und dazwischen?

Dazwischen werde ich fortgerissen.

Nicht sanft mitgenommen.

Nicht behutsam getragen.

Fortgerissen.

Von Nachrichten.

Von Ängsten.

Von Meinungen.

Von Erwartungen.

Von dem Gefühl, nicht zu genügen.

Und dann.

Jesus Christus gestern und heute und derselbe in Ewigkeit.

Ein Anker.

Keine Erklärung.

Kein Trost.

Ein Anker.

Einer, der hält.

Wenn alles sich bewegt.

Einer, der bleibt.

Wenn alles sich ändert.

Einer, der derselbe ist.

Wenn ich es nicht bin.

Weil ich bin nicht derselbe.

Ich bin heute anders als gestern.

Ich werde morgen anders sein als heute.

Ich verändere mich.

Ich wachse.

Ich scheitere.

Ich lerne.

Ich vergesse.

Ich fange neu an.

Ich bin nicht derselbe.

Und das ist gut so.

Aber einer ist es.

Derselbe.

Gestern. Heute. In Ewigkeit.

Das bedeutet:

Ich muss nicht derselbe bleiben.

Ich darf mich verändern.

Ich darf neu anfangen.

Weil einer den Rahmen hält.

Was nimmst du mit ins neue Jahr?

Was lässt du liegen?

Wer warst du?

Wer bist du?

Wer willst du sein?

Du musst es nicht wissen.

Du musst es nicht festlegen.

Du musst nicht derselbe sein.

Weil einer es ist.

Und das trägt.

Amen.