Alte Gräber - Neue Hetze
Zwei Fragen
Am Volkstrauertag stellen sich zwei Fragen.
Die eine: Wie gehen wir mit der Zeit um, die uns bleibt?
Die andere: Wie gehen wir mit der Zeit um, die vergangen ist?
Hiob – der Mann aus der Bibel, der alles verloren hat –
Hiob stellt sich beide Fragen.
Gleichzeitig.
Und seine Antworten können uns verstören.
Aber sie sind wichtig.
Verdammt wichtig.
Gerade heute.
Hören wir ihm zu.
Die Uhr tickt
Hiob sitzt da.
Auf dem Boden. In der Asche. Am Ende.
Und rechnet.
“Was ist der Mensch, von einer Frau geboren? Sein Leben ist kurz und voller Unruhe. Wie eine Blume blüht er auf und welkt.”
Er rechnet seine Lebenszeit zusammen.
Die Tage. Die Monate. Die Jahre.
Und kommt zu dem Ergebnis: Es reicht nicht.
Die Zeit reicht nicht, um alles zu klären.
Um alles richtig zu machen.
Um alles zu verstehen.
Die Zeit läuft ab.
Wie bei einer Blume, die morgens aufblüht und abends welkt.
Wie bei einem Schatten, der über die Mauer huscht und verschwindet.
Kennen Sie das?
Dieses Gefühl, wenn einem die Zeit davonläuft?
Wenn man merkt: Es bleibt nicht mehr viel.
Nicht mehr viel Zeit für Erklärungen.
Nicht mehr viel Zeit, um Dinge geradezurücken.
Nicht mehr viel Zeit, um die Geschichten zu erzählen.
Hiob sagt: So kurz ist Menschenleben.
So verdammt kurz.
Das ist die erste Wahrheit, die er uns zumutet:
Menschenleben sind begrenzt. Fragil. Vergänglich.
Und genau das – genau diese Vergänglichkeit –
die wird heute zum Problem.
Die Toten
Heute, am Volkstrauertag, stehen wir vor den Gräbern.
Vor allen Gräbern.
Vor den Toten der Weltkriege.
18 Jahre alt. 19 Jahre alt.
Söhne, die nicht zurückkamen.
Vor den Toten des Holocaust.
Ermordet. Vergast. Vernichtet.
Millionen.
Vor den Toten der Gewalt.
Der Verfolgung.
Des Hasses.
Wie eine Blume, die aufblüht und welkt.
Wie ein Schatten, der vorüberzieht.
Ihr Leben war kurz.
Manche starben sinnlos in sinnlosen Kriegen.
Manche starben durch fanatischen Hass.
Manche durch unglaubliche Gräueltaten.
Alle sterben.
Und die Gräber werden kälter.
Mit jedem Zeitzeugen, der stirbt.
Mit jeder Stimme, die verstummt.
Die Erinnerung verblasst.
Und genau darauf warten andere.
Sie verpacken alte Ideologien neu.
Sie rufen vom “Schlussstrich!”
Sie fordern “Remigration!”
Sie skandieren: “Deutschland den Deutschen!”
Sie reden wieder vom “Heldentod.”
Vom “Opfer für die Nation.”
Vom “Stolz auf unsere gefallenen Soldaten.”
Das ist eine Lüge.
Eine infame Lüge.
Niemand wollte einen Heldentod sterben.
Keiner der 18-jährigen Söhne wollte “für die Nation fallen.”
Sie wollten leben.
Sie wollten nach Hause.
Sie hatten Angst.
Und jeder, der vom Heldentum der Gefallenen spricht,
verdreht die Geschichte.
Verkennt das Leid.
Beleidigt die Toten.
Die Geschichtsverdreher warten.
Sie warten, bis die Gräber kalt sind.
Bis die Erinnerung verblasst ist.
Bis niemand mehr widersprechen kann.
Wie oft höre ich das:
“Kann man die Geschichte nicht mal ruhen lassen?”
“Muss es immer wieder eine Doku darüber geben?”
“Jetzt ist auch mal gut.”
Das wollen sie nutzen.
Diese Müdigkeit.
Diese Sehnsucht nach Vergessen.
Der Wunsch zu vergessen
Hiob ist erschöpft.
Hiob ist am Ende.
Hiob kann nicht mehr.
Und dann kommt dieser Satz:
“Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte, dass du mich eine Weile in der Unterwelt versteckst! Halte mich doch verborgen, bis dein Zorn vorbei ist!”
Eine Auszeit.
Hiob wünscht sich eine Auszeit.
Eine Auszeit von Gott.
Eine Auszeit vom Druck.
Eine Auszeit vom Schmerz.
Einfach mal nicht da sein müssen.
Einfach mal vergessen werden dürfen.
Einfach mal Ruhe haben.
Und ich verstehe Hiob.
Gott, wie ich ihn verstehe.
Hiob hat eine große Sehnsucht.
Die Sehnsucht zu vergessen.
Die Sehnsucht, dass der Schmerz aufhört.
Die Sehnsucht nach Ruhe.
Das ist menschlich.
Wir alle kennen diesen Wunsch.
Die, die trauern, kennen ihn besonders.
Die Mütter, die ihre Söhne verloren haben.
Die Überlebenden, die nicht mehr können.
Die, die den Schmerz nicht mehr aushalten.
Das Vergessen schmerzt.
Aber das Erinnern schmerzt auch.
Ich verstehe diese Sehnsucht.
Ich finde das Vergessen nicht gut.
Aber ich verstehe es.
Und trotzdem –
Und trotzdem müssen wir sagen:
Wir dürfen diesem Wunsch nicht nachgeben.
Nicht jetzt.
Nicht, solange die Geschichtsverdreher warten.
Nicht, solange sie aus Toten wieder “Helden” machen wollen.
Nicht, solange sie die Lüge vom Heldentod verbreiten.
Eine Auszeit vom Erinnern können wir uns nicht leisten.
Die Sehnsucht
Denn Hiob denkt seinen Wunsch weiter.
Er denkt sich die Auszeit zu Ende.
Und da, in diesem Gedankenspiel, passiert etwas Entscheidendes:
“Dann würdest du rufen und ich würde dir antworten. Du würdest dich sehnen nach deinem Geschöpf.”
Hören Sie?
Nicht nur Hiob würde sich nach Gott sehnen.
Auch Gott würde sich nach Hiob sehnen.
Im Abstand, in der Distanz, wächst die Sehnsucht.
Auf beiden Seiten.
Diese wechselseitige Sehnsucht – das ist Hiobs zweite Wahrheit:
Die Toten sind nicht weg.
Sie sind nicht vergessen.
Sie rufen.
“Denk an mich!” ruft Hiob zu Gott.
“Erinnert euch!” rufen die Toten zu uns.
Alle Toten.
Die Söhne, die nicht zurückkamen.
Die Ermordeten in den Lagern.
Die Verfolgten.
Die Opfer des Hasses.
Sie rufen:
“Wir waren hier.”
“Wir haben gelebt.”
“Wir wollten nicht sterben.”
“Wir waren keine Helden.”
Sie sehnen sich danach, dass wir uns an sie erinnern.
Dass ihre Geschichten weitererzählt werden.
Die wahren Geschichten.
Nicht die umgedeuteten.
Und wir?
Wir sehnen uns nach ihnen.
Nach der Wahrheit ihrer Geschichten.
Nach der Mahnung, die in ihrem Sterben liegt.
Diese wechselseitige Sehnsucht – die ist wichtig.
Denn sie hält die Erinnerung lebendig.
Sie lässt uns nicht los.
Sie lässt die Toten nicht los.
Und das ist Friedensdienst.
Sich zu erinnern ist Friedensdienst.
Die Geschichten zu erzählen ist Friedensdienst.
Den Geschichtsfälschern entgegenzutreten ist Friedensdienst.
Und ja – auch Widerstand.
Die Geschichten, die bleiben
Hiob sagt: “Die Tage sind kurz.”
Die Lebenszeit ist begrenzt.
Die Uhr tickt.
Aber – und das ist entscheidend –
Menschenleben sind kurz.
Aber ihre Geschichten sind es nicht.
Die Geschichten überdauern.
Die Geschichten bleiben.
Wenn wir sie nicht hergeben.
Wenn wir sie uns nicht nehmen lassen.
Wir dürfen uns die Geschichten nicht nehmen lassen.
Nicht von denen, die umdeuten wollen.
Nicht von denen, die einen Schlussstrich fordern.
Nicht von denen, die wieder vom Heldentod reden.
Nicht von denen, die Hass und Hetze säen.
Die Geschichten gehören uns allen.
Sie mahnen uns.
Sie rufen uns zu:
Erinnert euch!
Erzählt uns weiter!
Lasst sie nicht verschwinden!
Der Volkstrauertag mahnt uns zu einer Zukunft in Frieden.
Eine Zukunft in Frieden gibt es nur, wenn wir nicht vergessen.
Wenn wir die Geschichten erzählen.
In euren Familien.
In euren Dörfern.
Bei euren Nachbarn.
Fragt, solange noch jemand erzählen kann.
Hört zu, solange noch jemand sprechen kann.
Die Gräber werden kälter.
Die Hetzer werden lauter.
Aber wir – wir erzählen die Geschichten.
Wir geben sie nicht her.
Wir lassen sie uns nicht nehmen.
Wir erinnern uns.
So wie Hiob Gott zurief: “Denk an mich!”,
so rufen uns die Toten zu: “Erinnert euch!”
Das ist unser Friedensdienst.
Das ist unser Widerstand gegen das Vergessen.
Jetzt.
Amen.