Wer nie sein Brot im Bett aß, weiß nicht wie Krümel pieksen
Liebe Gemeinde,
diese rote Schnur in Ihrer Hand – sie ist mehr als ein Stück Stoff. Sie ist ein Zeichen der Rettung. Ein Zeichen der Zugehörigkeit. Ein Zeichen, das sagt: Du gehörst dazu. Auch wenn du nicht passt.
„Wer nie sein Brot im Bett aß, weiß nicht wie Krümel pieksen."
Krümel im Bett – das sind die Störungen. Das Unbequeme. Die, die nicht reinpassen. Die anders sind. Die pieksen.
I. Rahab – Die Störung im System
Rahab war so ein Krümel. Eine Prostituierte in Jericho. Eine am Rand. Eine, über die man nicht spricht.
Und ausgerechnet zu ihr gehen die beiden israelitischen Kundschafter.
Die Geschichte beginnt mit einem kleinen, aber wichtigen Detail: Die Kundschafter werden von Schittim ausgesandt – einem Ort, der im Buch Numeri für das große Scheitern Israels steht. Dort fiel das Volk in Götzendienst, dort wurde Untreue zur Versuchung.
Und jetzt? Von dort aus – aus der eigenen Geschichte der Schuld – sendet Israel seine Boten. Und sie gehen ausgerechnet zu einer Frau, die in den Augen der Frommen genau das verkörpert, was man für sündig hält.
Das ist kein Zufall. Das ist Gottes Stil.
Rahab lügt. Sie riskiert ihr Leben. Sie rettet die Kundschafter. Und auf dem Dach, im Schatten der Nacht, spricht sie ein Glaubensbekenntnis, das alles verändert:
„Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat. Denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf der Erde."
Eine Kanaanäerin. Eine Prostituierte. Und sie bekennt den Gott Israels – klarer, als es viele Fromme tun.
II. Die Krümel unserer Zeit
Liebe Gemeinde, lassen Sie uns ehrlich sein: Unsere Zeit ist voll von Menschen, die andere für Krümel halten. Für Störfaktoren. Für solche, die „nicht passen".
Da wird gegen Menschen gehetzt, die Bürgergeld empfangen. Sie werden als „Schmarotzer" bezeichnet, als Menschen in der „sozialen Hängematte". Dabei sind zwei Drittel von ihnen gar nicht erwerbsfähig – Kinder, Kranke, Alte. Und die, die arbeiten könnten, suchen meist verzweifelt nach Arbeit.
Es ist einfacher, auf Menschen einzuschlagen, die sich nicht wehren können, als die wirklichen Probleme anzugehen – Armut, fehlender Wohnraum, ungerechte Löhne.
Und da sind die Migrantinnen und Migranten. Menschen, die hier Schutz suchen, die hier leben und arbeiten, die längst Teil unserer Gesellschaft sind. Aber wie wird über sie gesprochen? Da fallen Worte wie „Überfremdung", „Asylflut", „Islamisierung". Worte, die nichts erklären, sondern nur verletzen.
Hinter diesen Begriffen steckt Angst – und oft der Versuch, sich selbst größer zu machen, indem man andere kleiner macht.
Da werden Menschen gegeneinander ausgespielt. In den sozialen Medien kursieren Fake-News: Ukrainische Flüchtlinge würden mehr Geld bekommen als Bürgergeld-Empfänger. Das ist eine Lüge. Sie bekommen die gleichen Sätze. 563 Euro für Alleinstehende. Nicht mehr, nicht weniger.
Aber die Lüge wird trotzdem immer wieder erzählt. Weil sie Menschen gegeneinander aufbringt. Weil sie Sündenböcke schafft. Weil es einfacher ist, auf Flüchtlinge zu zeigen als über bezahlbaren Wohnraum, gute Löhne und soziale Gerechtigkeit zu reden.
Da werden Menschen aufgefordert, sich „anzupassen". Aber an was eigentlich? An welche Werte? An welche Normen? Das bleibt merkwürdig vage. Es geht um ein diffuses „Wir", von dem nie so genau klar wird, wer damit gemeint ist.
Doch Gott sieht keine Nationen, keine Hautfarben, keine Religionen – er sieht Menschen. Menschen, die er liebt.
Und wenn wir andere Menschen entwürdigen, weil sie anders sprechen, anders glauben, anders aussehen, dann beleidigen wir nicht sie allein – wir beleidigen das Bild Gottes, das in ihnen leuchtet.
Die Rahab-Geschichte widerspricht dieser Logik von Angst und Abgrenzung. Sie erzählt: Gott handelt gerade durch die, die „fremd" sind. Er rettet durch eine Frau aus einem anderen Volk. Er schreibt seine Geschichte nicht gegen die Fremden, sondern mit ihnen.
III. Gottes Geschichte mit denen, die nicht passen
Die Bibel erzählt Gottes Geschichte mit denen, die nicht passen. Das ist kein Sonderfall, das ist Gottes Normalfall.
Abraham und Sara – alt und kinderlos. Und damals galt das als Strafe, als Makel, als Zeichen eines sündhaften Lebens. „Irgendetwas muss da doch nicht stimmen bei denen", hätte man gesagt. Aber Gott wählt gerade sie, um neues Leben zu schenken.
Jakob – ein Betrüger. Mose – ein Mörder auf der Flucht. David – ein Ehebrecher. Rahab – eine kanaanäische Prostituierte.
Und ausgerechnet sie alle werden Teil von Gottes Geschichte.
So radikal ist diese Geschichte, dass Matthäus Rahab in den Stammbaum Jesu aufnimmt.
Die Hure im Stammbaum des Messias – das ist kein Betriebsunfall. Das ist Programm.
Auch im Evangelium heute: die kanaanäische Frau, die um Hilfe für ihre Tochter bittet. Wieder eine Außenseiterin. Wieder eine, die stört.
Jesus sagt: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen."
Und sie antwortet: „Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen."
Brosamen. Krümel.
Und Jesus ist bewegt: „Frau, dein Glaube ist groß!"
Glaube beginnt oft genau dort, wo Grenzen verlaufen – im Unreinen, im Unbequemen, im Draußen.
IV. Rahab ist nicht perfekt
Rahab ist keine Heldin im klassischen Sinn. Sie lügt. Sie verrät ihr Volk. Sie handelt aus Angst und aus Liebe zugleich. Aber sie glaubt – gegen alle Wahrscheinlichkeit. Sie hält sich fest an einer Hoffnung, die größer ist als sie selbst.
Glaube entsteht nicht im Perfekten, sondern im Vertrauen – mitten in der Unordnung des Lebens. Gott wählt nicht die Makellosen. Er wählt die, die auf ihn vertrauen, selbst wenn sie stolpern.
V. Die Grenzen der Kirche
Und damit kommen wir zu uns. Zu unserer Kirche.
Ich erlebe es immer wieder: Menschen kommen zu mir ins Pfarrhaus – zum Taufgespräch, zur Trauung, zur Beerdigung – und beginnen mit einer Entschuldigung.
„Ich gehe nicht regelmäßig in die Kirche." „Ich bin zwar getauft, aber so richtig gläubig bin ich nicht." „Ich weiß nicht, ob ich hier überhaupt richtig bin."
Menschen entschuldigen sich. Dafür, dass sie nicht passen. Dass sie nicht oft genug da sind. Dass sie zu wenig glauben, zu viel zweifeln, zu selten kommen.
Und das erschreckt mich zutiefst.
Denn das zeigt: Wir als Kirche scheinen ein System geschaffen zu haben, in dem sich Menschen erst klein machen müssen, bevor sie sich willkommen fühlen dürfen.
Aber das darf nicht sein.
Kirche ist nicht der Raum der Entschuldigungen – sie ist der Ort der Vergebung.
Hier muss niemand beweisen, dass er dazugehört.
Vielleicht entschuldigen sich Menschen, weil sie ahnen: Hier könnte Vergebung möglich sein. Hier könnte Annahme geschehen. Aber wenn sie gleichzeitig spüren, dass sie sich erst entschuldigen müssen, dann haben wir als Kirche etwas Entscheidendes vergessen:
Die Botschaft gilt allen. Immer. Auch denen, die selten kommen. Auch denen, die zweifeln. Auch denen, die am Rand stehen.
Denn Gott selbst zieht keine Striche – er zieht Menschen an sein Herz.
VI. Grenzen sind durchlässig
Die Geschichte von Rahab kennt Grenzen – zwischen Israel und Kanaan, zwischen drinnen und draußen. Aber sie zeigt: Diese Grenzen sind durchlässig.
Und – das ist entscheidend – nicht Rahab überwindet zuerst die Grenze, sondern Gott. Er überschreitet sie, als seine Kundschafter das Haus der Rahab betreten. Er sucht sie dort, wo sie ist – im Zwielicht, in der Fremde, in einem Leben zwischen den Welten.
So handelt Gott immer. Er überschreitet Grenzen. Er kommt selbst in unsere Welt, in unser Leben, in unsere Brüche. Er wird Mensch – nicht im Palast, sondern im Stall. Er wird zum Ausgegrenzten, zum Gekreuzigten.
Das Kreuz ist Gottes rote Schnur in dieser Welt. Es ist das Zeichen, dass Gott selbst die Seite der Rahabs, der Fremden, der Unpassenden einnimmt.
VII. Die rote Schnur
Am Ende bindet Rahab die rote Schnur ins Fenster. Ein kleines Zeichen – und doch der Unterschied zwischen Leben und Tod.
Für uns Christinnen und Christen ist diese rote Schnur das Kreuz. Ein Zeichen der Rettung – nicht weil es schön ist, sondern weil dort Gott selbst die Grenze zwischen Himmel und Erde durchbricht.
Er, der Unschuldige, hängt am Galgen der Schuldigen. Er wird selbst zum Krümel, der piekst – und gerade darin zum Brot des Lebens.
Diese Schnur, dieses Kreuz, sagt uns: Du gehörst dazu. Nicht weil du perfekt bist, sondern weil Gott dich liebt – schon längst.
Nehmen Sie die rote Schnur mit. Stecken Sie sie in die Tasche, hängen Sie sie irgendwo auf. Und wenn Sie zweifeln, erinnern Sie sich:
Rahab gehört dazu. Die kanaanäische Frau gehört dazu. Die Zöllner, die Sünder, die Zweifler – sie alle gehören dazu.
Und Sie auch. Immer.
VIII. Wer nicht passt
„Wer nie sein Brot im Bett aß, weiß nicht wie Krümel pieksen."
Vielleicht sind Sie selbst so ein Krümel. Einer, der nicht recht reinpasst. Der zweifelt, selten kommt, sich entschuldigt.
Oder vielleicht gehören Sie zu denen, die Grenzen ziehen und sagen: „So jemand passt hier nicht hinein."
Die Geschichte von Rahab richtet sich an beide:
Sie sagt den einen: Gerade euch sucht Gott.
Und den anderen: Passt auf, dass ihr Gott nicht da draußen verpasst.
Wenn wir heute auf Menschen zeigen, die Bürgergeld empfangen, und sie als Schmarotzer bezeichnen – wen grenzen wir da aus?
Wenn wir Fake-News über Flüchtlinge verbreiten und Menschen gegeneinander ausspielen – wem dienen wir dann?
Wenn wir in der Kirche Menschen das Gefühl geben, nicht genug zu sein – was für eine Kirche sind wir dann?
Gottes Geschichte ist größer als unsere Kategorien. Sie reicht über unsere Mauern hinaus.
Am Ende hält Gott selbst die rote Schnur in der Hand. Sie zieht sich durch alle Zeiten, durch alle Brüche, durch alle Grenzen – und sie führt auch uns in seine Geschichte der Rettung.
Halten Sie sie fest. Sie hält Sie längst.
Amen.