Feuer und Flamme
Liebe Geschwister,
Die große Erwartung
Pfingsten. Der Geist kommt. Wir erwarten das Große, das Gewaltige. Feuerzungen, die vom Himmel fallen. Wind, der durch alle Ritzen pfeift. Den ominösen, ungreifbaren Geist, der irgendwo da oben schwebt - erhaben, entrückt, unnahbar.
So stellen wir uns das vor. So predigen wir oft. Ein Geist, der spektakulär ist, aber fern. Der beeindruckt, aber nicht alltäglich wird. Der in besonderen Momenten kommt und wieder verschwindet wie ein Naturphänomen.
Aber was, wenn das die falsche Erwartung ist?
Die Angst der Verlassenen
Die Jünger haben andere Sorgen. Jesus geht weg. Sie bleiben zurück. Und sie ahnen: Das Leben wird chaotisch werden ohne ihn.
Wer wird ihnen sagen, was richtig und falsch ist? Wer wird sie beraten, wenn sie nicht weiterwissen? Wer wird ihre Fragen beantworten, ihre Zweifel aushalten, ihre Ängste beruhigen? Wer wird mit ihnen reden - über das Wichtige und das Unwichtige, über die großen Entscheidungen und die kleinen Alltagsprobleme?
Ein ominöser, ungreifbarer Geist? Der hilft ihnen nicht. Der sortiert nicht den Alltag. Der beantwortet keine Fragen beim Abendessen. Der ist da, wenn er will, und weg, wenn sie ihn brauchen.
Die Jünger brauchen keinen fernen Geist. Sie brauchen einen Gesprächspartner.
Warum Menschen so sehr fehlen
Kennen Sie das? Jemand stirbt, der Ihnen wichtig war. Und alle sagen: “Er ist jetzt bei Gott. Er hat keinen Schmerz mehr. Er ist frei.”
Das mag alles stimmen. Aber es erklärt nicht, warum er Ihnen so fehlt.
Er fehlt nicht, weil er so perfekt war. Er fehlt nicht, weil er keine Fehler hatte. Er fehlt, weil er da war. Jeden Tag. Als Gesprächspartner. Als einer, der mit Ihnen das Leben sortiert hat.
“Was meinst du, soll ich den Job annehmen?” “Wie war dein Tag?” “Hast du gesehen, wo ich den Autoschlüssel hingelegt habe?” “Was denkst du über die Nachrichten heute?”
Die tausend kleinen und großen Gespräche, die das Leben ordnen. Die aus dem Chaos des Alltags ein geteiltes Leben machen. Die dafür sorgen, dass Sie nicht allein sind mit allem, was auf Sie einströmt.
Menschen fehlen uns, weil sie aktiv sind. Ansprechbar. Personal. Weil sie unser Leben mitordnen, mit-sortieren, mit-bewältigen.
Die Trennung ist deshalb so schmerzhaft, weil es niemanden mehr gibt, mit dem das Erlebte geordnet und einsortiert werden kann. Es herrscht Chaos. Überbrückt wird dieser Schmerz durch das weitergeführte Gespräch mit den Verstorbenen – ob am Grab oder auf das Foto blickend, ob leise murmelnd oder nur gedanklich. Das Leben wird weiter geteilt, sortiert, geordnet.
Mein Professor hat ein Buch geschrieben: “Mit den Toten leben.” Ein kluger Titel. Denn er bringt auf den Punkt, was Millionen von Menschen täglich tun: Sie leben mit ihren Toten. Nicht obskur oder esoterisch. Sondern ganz praktisch. Ganz alltäglich.
Jemanden zu vermissen ist auch eine Art, mit jemandem zu leben. Die Sehnsucht hält die Beziehung lebendig. Die Erinnerung organisiert weiter den Alltag. Das innere Gespräch sortiert weiter das Leben.
Der andere Beistand
Genau das verspricht Jesus im Johannesevangelium vor seinem Abschied. “Ich will euch einen anderen Beistand geben”, sagt er. Nicht einen “Tröster” - das ist Luthers Übersetzung, und sie führt in die Irre. Ein Paraklet ist kein sanfter Streichler für verletzte Seelen. Ein Paraklet ist ein Anwalt, ein Beistand, einer, der aktiv zur Seite steht.
“Er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.”
Lehren. Erinnern. Das sind die Tätigkeiten eines Gesprächspartners im Alltag. Nicht die spektakulären Momente des Übernatürlichen, sondern das tägliche Sortieren des Lebens.
Der Alltags-Organisator
Sie stehen morgens auf und wissen nicht, wie Sie den Tag schaffen sollen. Da ist eine Stimme - nicht dramatisch vom Himmel, sondern leise in Ihnen: “Du schaffst das. Einen Schritt nach dem anderen.”
Sie ärgern sich über Ihren Nachbarn, wollen ihm die Meinung sagen. Da fällt Ihnen ein Wort ein - nicht als moralische Keule, sondern als sanfte Erinnerung: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.”
Sie sitzen abends da und rekapitulieren den Tag. Das Gelungene und das Misslungene. Das Schöne und das Schwere. Und irgendwie sortiert sich das alles. Wird eingeordnet. Bekommt Sinn. Nicht durch ein Wunder, sondern durch ein inneres Gespräch.
Das ist der Paraklet bei der Arbeit. Murmelnd. Redend. Sortierend. Alltäglich.
Das Geheimnis der Liebe
Darf ich persönlich werden? Meine Frau ist für mich dieser Alltags-Organisator. Das Geheimnis unserer Liebe ist nicht, dass wir immer einer Meinung sind oder nie streiten. Das Geheimnis ist: Mit ihr ist gut sein. Sie hilft mir, mein Leben zu sortieren.
Wenn etwas Schweres passiert, kann ich es mit ihr besprechen. Wenn etwas Schönes geschieht, kann ich es mit ihr teilen. Wenn ich nicht weiß, wie ich entscheiden soll, kann ich mit ihr überlegen. Wenn der Tag chaotisch war, können wir ihn gemeinsam ordnen.
Und glauben Sie mir - ich brauche das! Ich bin so vergesslich. Lasse mein iPad liegen, meine Kopfhörer, neulich sogar meine Schuhe nach dem Radiogottesdienst und - das ist mir richtig peinlich - sogar mal meinen Talar im Gemeindehaus. Zum Glück habe ich so viele Alltags-Organisatoren um mich, die mir helfen, mein Chaos zu bewältigen.
Wenn ich nicht mit ihr sprechen könnte, nicht sortieren könnte, nicht teilen könnte - dann würde mein Leben im Chaos enden. Nicht dramatisch. Nicht spektakulär. Sondern schleichend. Unmerklich. Aber unaufhaltsam.
So ist das mit allen Menschen, die uns wirklich wichtig sind. Sie sind unsere Alltags-Organisatoren. Unsere Gesprächspartner im Leben. Unsere Mit-Sortierer des Chaos.
Mehr als ein Helfer
Der Paraklet ist mehr als ein Helfer. Er ist ein Gegenüber. Eine Person. Einer, der mit uns redet, nicht über uns. Der uns zuhört, nicht nur auf uns aufpasst. Der unser Leben mit-lebt, nicht nur überwacht.
Luthers “Tröster” macht aus dem Geist einen Therapeuten. Jemanden, der kommt, wenn es wehtut, und wieder geht, wenn es besser wird. Aber ein Paraklet ist anders. Er ist da. Immer da. Als ständiger Gesprächspartner. Als einer, der das Leben mit uns teilt.
Nicht nur in den Krisen. Auch in der Normalität. Nicht nur bei den großen Fragen. Auch bei den kleinen. Nicht nur sonntags in der Kirche. Auch montags beim Einkaufen, dienstags im Büro, mittwochs beim Elternabend.
Das ist die johanneische Revolution: Der Geist ist nicht fern und ominös. Er ist nah und alltäglich. Er ist nicht spektakulär und ungreifbar. Er ist personal und ansprechbar.
Die organisierende Gemeinschaft
Und das wirkt sich aus auf die Gemeinde. Wir sind nicht nur eine Gruppe von Menschen, die zufällig den gleichen Glauben haben. Wir sind eine Gemeinschaft von Alltags-Organisatoren. Von Menschen, die sich gegenseitig helfen, das Leben zu sortieren.
Aber seien wir ehrlich: Hier prallen auch Alltäge aufeinander. Ihre Art, das Leben zu ordnen, und meine. Ihre Sorgen und meine Prioritäten. Ihre Macken und meine Eigenarten. Das ist nicht immer harmonisch. Manchmal reibt es sich. Manchmal nervt es. Manchmal verstehen wir uns nicht.
Aber genau da brauchen wir den Paraklet als Gemeinschafts-Organisator. Als den, der uns hilft, mit den Unterschieden umzugehen. Der uns erinnert: “Die andere ist auch Gottes geliebtes Kind.” Der uns lehrt: “Du musst nicht alles verstehen, aber du kannst liebevoll bleiben.”
“Wie war deine Woche?” - auch wenn sie ganz anders läuft als meine. “Was beschäftigt dich?” - auch wenn es mir fremd ist. “Wollen wir darüber reden?” - auch wenn wir verschiedener Meinung sind. “Lass uns zusammen überlegen.” - auch wenn wir unterschiedlich denken.
Das ist Geist-Wirkung. Nicht das große Pfingst-Spektakel, sondern die kleine, alltägliche Arbeit des Zusammenlebens. Menschen, die sich gegenseitig Paraklet sind. Die zur Seite stehen, auch wenn es anstrengend wird. Die mit-denken, mit-fühlen, mit-sortieren - auch mit denen, die anders ticken.
In einer Welt, die immer gespaltener wird, sind wir eine Gemeinschaft des liebevollen Ordnens. Nicht der rigiden Ordnung, die alle gleich machen will. Sondern der geduldigen Ordnung, die Unterschiede aushält und trotzdem zusammenhält. Die aufeinander achtet. Die zugewandt bleibt. Die den anderen nicht aufgibt, auch wenn er schwierig ist.
Denn das ist vielleicht das Größte am Paraklet: Er organisiert nicht nur mein persönliches Chaos. Er organisiert auch unser gemeinsames Leben. Hilft uns dabei, eine Gemeinschaft zu werden, in der Menschen trotz ihrer Verschiedenheit beieinander bleiben können.
Das Wohnung-Nehmen
“Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.”
Gott zieht bei uns ein. Nicht im Tempel. Nicht nur in der Kirche. In unserem Leben. In unserem Alltag. In unseren Gesprächen. In unserem Mit-einander-Sortieren des Lebens.
Das ist die pfingstliche Verheißung: Gott wird alltäglich. Nicht banal. Nicht selbstverständlich. Aber alltäglich. Als ständiger Gesprächspartner. Als einer, der mit uns das Leben teilt.
Der andere Friede
“Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch.”
Die Welt gibt uns Beruhigungsmittel für das Chaos. Ablenkung. Entertainment. Konsum. Alles, was uns vergessen lässt, wie ungeordnet unser Leben ist.
Jesus gibt uns etwas anderes: Einen Gesprächspartner für das Chaos. Einen, der hilft, es zu sortieren. Der mit uns hineingeht in die Unordnung des Lebens und sie mit uns bewältigt.
Das ist Friede: Nicht die Abwesenheit von Chaos, sondern die Gegenwart eines Beistands, der beim Ordnen hilft.
Feuer & Flamme des Alltags
An Pfingsten feiern wir nicht die spektakuläre Geist-Erfahrung. Wir feiern die alltägliche Geist-Gegenwart. Den Paraklet, der mit uns redet. Der uns hilft, das Leben zu verstehen. Der unser ständiger Gesprächspartner ist.
Feuer & Flamme - das ist nicht der große Knall. Das ist die warme Glut, die nie erlischt. Die immer da ist, wenn wir sie brauchen. Die unser Leben erhellt und wärmt.
Gott zu vermissen ist auch eine Art, mit Gott zu leben. Und der Paraklet hilft uns dabei, diese Sehnsucht fruchtbar zu machen. Als Kraft, die das Leben ordnet. Als Stimme, die das Chaos bewältigt. Als Beistand, der nie weggeht.
Nehmen Sie das mit: Sie sind nicht allein mit dem Chaos Ihres Lebens. Da ist einer, der mit Ihnen sortiert, ordnet, bewältigt. Der Paraklet. Der Beistand. Der ständige Gesprächspartner Gottes in Ihrem Leben.
Und wir als Gemeinde? Wir sind eine Gemeinschaft solcher Gesprächspartner. Menschen, die sich gegenseitig helfen, das Leben zu verstehen. Die Alltags-Organisatoren Gottes in dieser Welt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.