Vater unser...Ja? - Wenn Gott antwortet
Predigt zu Johannes 16,23b-28.33
Liebe Geschwister,
stellen Sie sich vor, Sie würden heute Abend nach Hause kommen, das Telefon klingelt, und am anderen Ende ist… Gott. Nicht als mystische Erscheinung, nicht als Donnerstimme vom Berg Sinai, sondern ganz normal. Als würde ein Freund anrufen.
“Hallo”, sagt er, “du hast heute Morgen gebetet. Ich dachte, ich rufe mal zurück.”
Würden Sie auflegen? Würden Sie denken, das ist ein schlechter Scherz? Oder würden Sie sich freuen?
Jesus sagt heute: “Bittet, so werdet ihr empfangen.” Er verspricht, dass Gott antwortet. Die Frage ist: Sind wir bereit für diese Antworten?
Das Telefon ist keine Einbahnstraße
Neulich hatte ich ein intensives Gespräch mit einem sehr guten Freund. Unsere Freundschaft stand auf dem Spiel. Weil ich mich nicht gemeldet hatte. Weil ich nicht geantwortet hatte: Auf seine Nachrichten, auf seine Anrufe.
“Weißt du”, sagte er, “das Telefon ist keine Einbahnstraße. Es funktioniert in beide Richtungen.” Das war sein Credo, immer schon.
Ich hatte seine Nachrichten gelesen, manchmal sogar angefangen zu tippen. Aber dann kam der Alltag dazwischen. Zu viel zu tun. Zu viel Arbeit, zu viel Familie, keine Zeit. Und irgendwann war es mir peinlich, dass ich so lange nicht geantwortet hatte. Aus “zu viel zu tun” wurde Scham. Aus Scham wurde Schweigen.
Eine Einbahnstraße. Genau das war es geworden. Unsere Freundschaft. Er redete, ich hörte zu - manchmal. Aber ich redete nicht zurück.
Jesus lädt uns in eine neue Art der Beziehung ein
Als ich ihn endlich anrief, weil ich dringend seine Hilfe brauchte und stammelte: “Es tut mir leid, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll…” - da unterbrach er mich: “Lass mal. Erzähl mir lieber, was los ist.”
So sind echte Freunde. Er hat mir geholfen, bevor ich mich entschuldigen konnte.
Echte Gespräche verändern beide Seiten
Als mein Freund und ich endlich sprachen, da veränderten wir uns beide. Meine Scham löste sich und seine Anspannung, seine Selbstvorwürfe, sein Kopfkino. Das ist das Faszinierende an unserem heutigen Text - das gilt auch für das Gespräch mit Gott.
Gott will sich verändern lassen durch unser Gespräch. Nicht weil er unvollkommen wäre. Sondern weil das Liebe ist. Liebe bedeutet, sich berühren zu lassen. Sich bewegen zu lassen. Sich freuen zu lassen und auch traurig sein zu können.
So ist Gott auch. Aber Jesus zeigt uns heute: Es geht noch weiter.
“Bis jetzt habt ihr nichts in meinem Namen gebeten”, sagt Jesus zu seinen Jüngern. “An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb.”
Das ist revolutionär. Jesus sagt: Ihr braucht mich nicht mehr als Vermittler. Ihr habt direkten Draht. Der Vater selbst liebt euch. Das Telefon funktioniert in beide Richtungen.
Was passiert, wenn wir aufhören zu sprechen?
Mein Freund sagte mir: “Noch ein paar Monate länger, und ich hätte aufgehört zu schreiben. Irgendwann ist auch meine Geduld zu Ende.” Aber ehrlich gesagt - ich glaube das gar nicht. Ich kenne ihn. Ich wette, auch wenn ich erst nach einem Jahr angerufen hätte, er hätte den Hörer abgenommen. Vielleicht mit einem Vorwurf. Vielleicht verletzt. Aber er hätte abgenommen.
So sind echte Freunde. Sie lieben länger, als sie selbst denken.
Und wenn das schon bei Menschen so ist - Menschen mit all ihren Grenzen, ihren Verletzungen, ihrer Müdigkeit - wie viel mehr dann bei Gott?
Gott geht nicht weg. Gott hört nicht auf zu lieben. Gott nimmt ab. Beim ersten Klingeln. Ohne Vorwürfe. Immer.
Aber - und das ist wichtig - was passiert mit der Beziehung, wenn wir aufhören zu sprechen?
Schauen Sie sich um. Beten wir noch wirklich? Nicht als Ritual. Sondern als echtes Gespräch. Rechnen wir damit, dass Gott antwortet? Leben wir so, als wäre Gott wirklich da?
Eine Beziehung verkümmert, wenn nur einer spricht. Wenn nur einer liebt. Wenn nur einer sich meldet. Nicht weil Gott schwächer wird - er bleibt der Allmächtige. Aber seine Stimme wird leiser in unserem Leben. Seine Gegenwart wird blasser in unserem Alltag. Nicht weil er sich zurückzieht, sondern weil wir die Verbindung kappen.
Johannes zeigt uns: Gott will Beziehung
Johannes beschreibt ein Netzwerk der Liebe: “Gott hat die Welt so sehr geliebt…” Der Vater liebt den Sohn, der Sohn liebt die Seinen, die ihm Nachfolgen lieben ihn und einander.
Jesus lädt uns ein in dieses Liebesgeflecht. “Der Vater selbst hat euch lieb, denn ihr habt mich lieb”, sagt er. Das ist Beziehung. Liebe weckt Liebe. Vertrauen weckt Vertrauen. Sprechen weckt Antworten.
Aber echte Beziehung braucht beide Seiten. Gott redet. Die Frage ist: Reden wir zurück?
“Ich bin da” - heute Abend beim Griechen
Jesus verspricht: “Bittet, so werdet ihr empfangen, dass eure Freude vollkommen sei.”
Heute Abend treffe ich zwei meiner liebsten Freunde. In Hamburg. Beim Griechen. Ein heiliger Ort für uns.
Der eine schrieb gestern: „Ihr Lieben, wir hatten eine ziemliche Nacht aus der Hölle: Die Mama meiner Frau hatte heute Nacht einen doofen Herzinfarkt und musste operiert werden."
Der andere schrieb: „Herz läuft nicht rund, Fuß gebrochen, Ellbogen Schleimbeutel riesig. Alles Kacke außer der Stimmung, die ist gut."
Ich hab ihnen geschrieben: „Ich bin da."
Drei Worte. Mehr nicht. Aber dahinter steckt alles: Ich werde mich heute zur verabredeten Zeit dort hinsetzen. Nicht weil alles gut ist. Gerade weil alles ziemlich schwer ist. Aber ich bin da.
Was stirbt, wenn wir nicht sprechen?
Stellen Sie sich vor, keiner meiner Freunde kommt heute zum Griechen. Ich würde trotzdem weiter reservieren. Nächste Woche wieder. Und übernächste Woche. Weil ich sie liebe. Weil ich hoffe. Weil echte Liebe nicht aufgibt.
Aber ehrlich? Irgendwann würde es wehtun. Sehr wehtun. Nicht weil die Liebe weniger wird, sondern weil sie unbeantwortet bleibt.
Und da wird mir klar: Ich bin widersprüchlich. Ich schreibe meinen Freunden nicht zurück - aber ich reserviere ihnen den Tisch. Ich bin ein schlechter Freund und gleichzeitig ein guter. So sind Menschen eben. Voller Widersprüche.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Gott kennt unsere Widersprüche. Er weiß, dass wir beten und dann wieder verstummen. Dass wir ihn suchen und uns dann verstecken. Dass wir “Vater unser” sagen und dann tagelang nicht mit ihm reden.
Und trotzdem nimmt er ab. Und trotzdem ist der Tisch gedeckt. Nicht weil wir es verdient hätten. Sondern weil das seine Art zu lieben ist.
Vollkommene Freude
Genau das sagt Jesus uns über Gott. “Der Vater selbst hat euch lieb.” Gott sagt zu uns: “Ich bin da.”
Das ist vollkommene Freude. Nicht das Gefühl, dass alles perfekt ist. Sondern das Wissen: Da ist jemand, der sagt: “Ich bin da.” Jemand, der den Hörer abnimmt, wenn wir anrufen. Egal wann wir es tun. Egal wie lange wir geschwiegen haben.
“In der Welt habt ihr Angst”, sagt Jesus. Das stimmt. Herzinfarkte passieren. Füße brechen. Das Leben ist manchmal ziemlich schwer.
“Aber seid getrost”, sagt er, “ich habe die Welt überwunden.”
Nicht: Ich habe alle Probleme weggenommen. Sondern: Ich bin stärker als alles, was euch Angst macht. Ich bin da.
Das Gespräch, das trägt
“Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft!” So lautet der Wochenspruch. Gott verwirft unser Gebet nicht. Aber er sammelt es auch nicht nur wie ungeöffnete Post.
Er will antworten. Er will ins Gespräch kommen. Er will Beziehung. Er will sich freuen, wenn wir anrufen. Er will sich sorgen, wenn wir leiden. Er will teilhaben an unserem Leben.
Das ist das johanneische Evangelium: Gott wird beziehungsfähig. Gott wird jemand, mit dem wir sprechen können. Nicht weil er kleiner wird, sondern weil seine Liebe so groß ist, dass sie sich herabneigt zu uns.
Das Telefon klingelt
Das Telefon klingelt. Gott wartet am anderen Ende. Wie jemand, der Beziehung will. Der Gespräch sucht. Der liebt und geliebt werden möchte.
“Vater unser im Himmel…”
“Ja? Ich höre. Ich bin da. Ich liebe dich. Rede mit mir.”
Das Telefon ist keine Einbahnstraße. Beziehung ist keine Einbahnstraße. Liebe ist keine Einbahnstraße.
Gott macht es. Machen wir es auch?
Amen.